Sport und Gesellschaft

Sport durchdringt viele gesellschaft liche Teilbereiche. Kann man von Sportifizierung der Gesellschaft sprechen?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Sports" stammt aus dem englischen und bezeichnete eine teilweise wettkampforientierte, spielerische und körperliche Betätigung, der Männer in ihrer Freizeit nachgingen. Die Voraussetzung von Freizeit war das Bestehen einer Form von geregelter Erwerbsarbeit. Die ersten, die (genügend) Freizeit hatten, um Sport zu treiben, waren männliche Angehörige der aristokratischen Oberschicht. Ein Privileg, das das aufstrebende Bürgertum allmählich aufbrach, bis Sport in der gesamten Gesellschaft angekommen war.

Es gab immer schon Formen von wettkampforientierten Spielen, doch vor allem in der Moderne treten Aspekte wie kodifizierte Regeln, die Bedeutung von Ergebnissen und die Quantifizierung von Leistung in den Vordergrund.

"Spieltrieb, Wettkampf, Unterhaltung - soziale Bedürfnisse werden im Sport ausgelebt und befriedigt", sagt Otmar Weiß, Sportsoziologe an der Universität Wien. Wie diese konkret ausgelebt werden, hängt von den dominanten Werten einer Gesellschaft ab: "Auch bei den Inuit in Alaska gibt es Spiele und Ablenkungen, die aber einen ganz anderen Charakter haben. Im Vordergrund steht nicht das Wettkampfelement oder der Sieg, sondern Kooperation und Geschicklichkeit."

Sportifizierung der Gesellschaft

Sport ermöglicht essentielle Formen der Körper- und Selbsterfahrung und übernimmt Aufgaben im Bereich der Sozialisation. Nicht nur wegen der Sportartikel oder des Tourismus ist er ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit positiven Wachstumsraten. Körperliche Aktivität sorgt durch die Vermeidung chronischer Erkrankungen für niedrigere Kosten im Gesundheitssystem, selbst wenn man Behandlungs- und Folgekosten von Sportunfällen einrechnet, erklärt Norbert Bachl, Direktor des Österreichischen Instituts für Sportmedizin.

Auch im Bereich der individuellen und kollektiven Sinnstiftung ist Sport bedeutsam: der Slogan "Rapid ist eine Religion" ist ein gutes Beispiel für diese These. Egal, ob wir Sport betreiben oder nicht, er ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Sport findet sich in den Medien, unserer Kleidung, unserer Sprache und ist zunehmend auch ein Teil unserer Identität.

"Er übernimmt immer mehr Funktionen, die früher anderen Bereichen wie Familie oder Religion vorbehalten waren. Generell ist Sport aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken", resümiert Weiß. Ob man aber tatsächlich davon sprechen kann, dass Teilbereiche der Gesellschaft den Idealen des Sports (und wenn ja, welchen?) immer ähnlicher werden, ist strittig. Unter dem Begriff der "Sportifizierung" oder "Sportisierung" wird diese Annahme diskutiert. Die Wechselwirkungen zwischen Sport und anderen Gesellschaftsbereichen sind jedoch eindeutig festzustellen. "Sport ist Teil von sozialem Wandel und gleichzeitig ein Indikator für diesen", wie Georg Spitaler, Politikwissenschafter der Universität Wien und Redakteur des Fußballmagazins ballesterer erklärt.

In der Verbesserungstretmühle

Gerade soziale Individualisierungstendenzen in den Neunzigerjahren lassen sich gut an der Veränderung des Sports festmachen. Es nimmt die vereinsmäßige Organisation des Sports ab zugunsten von sportlichen Aktivitäten, die diese nicht voraussetzen, Stichworte Fitnesscenter oder Laufen. Sowohl in der Erwerbsarbeit als auch im Sport lassen sich diese Muster der Eigenverantwortlichkeit, Selbstführung und -organisation erkennen - eine Individualisierung der Sorge um das eigene Wohlergehen:

"Einzelne Aufgaben, die früher vom Staat übernommen wurden, werden in die Körper der einzelnen Bürgerinnen und Bürger hineinverlagert - als eine Form der Selbstregierung, um mit Foucault zu sprechen", sagt Spitaler. Im 1997 erschienenen Song "Fitter Happier" liefert die Band Radiohead eine Zusammenfassung dieser Tendenzen und den deutlichen Hinweis darauf, dass die Individualisierung eine neue Form von Druck erzeugt: Das beständige Arbeiten an sich selbst, an der eigenen Produktivität und Leistungsbereitschaft, als Strampeln in der Verbesserungstretmühle.

Körperliche Ertüchtigung und Sport sind ein zentraler Eckstein davon: Die körperliche Fitness soll die ökonomische sicherstellen, Selbstdisziplin im Sport beweisen, dass man das auch im Job kann. Aus ästhetischer Perspektive mag Karl Lagerfelds Diktum "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren", plausibel erscheinen. Doch die Tendenz geht eher in eine andere Richtung: Wer keine trägt, keinen Sport betreibt, hat die Kontrolle über sein Leben aufgegeben.

Sportliche Metaphern

Vor allem in der Sprache werden diese Ideale des Sports in Metaphern besonders häufig beansprucht. Hier zeigen sich aber auch die Grenzen der Sportifizierungsthese.

Die verwendeten Metaphern beziehen sich vornehmlich auf den Leistungssport, der ganz andere Ziele als der Breitensport verfolgt. Die Idee von Leistung, die dem Leistungssport innewohnt, ist die Vorstellung einer ständigen Steigerungsfähigkeit, die kapitalistischen Strukturen zu entsprechen scheint. Es geht nicht darum, eine Pflicht zu erfüllen, sondern immer darum, etwas Dagewesenes zu übertrumpfen, etwas noch nie Dagewesenes zu erreichen. Tobias Werron, Soziologe an der Universität Bielefeld, sagt dazu: "Ein moderner Wert wird im Sport zur Schau gestellt, also zur Anschauung gebracht. Das setzt natürlich voraus, dass sich die Sportler diesem Leistungsprinzip unterwerfen. Es ist aber noch einmal eine andere Frage, ob sich jene, die sich das anschauen, dieses Leistungsprinzip dann auch wirklich zu Eigen machen."

In den Metaphern des Sports wird diese Idee genauso wie der soziale Zusammenhalt für ein gemeinsames Ziel transportiert. Werron zeigt sich aber skeptisch, ob mit dieser Sportsemantik von Konkurrenz und Leistungsdruck auch gleichzeitig die Leistungsidee und mit dieser die Disziplin, die sportliche Erfolge voraussetzen, importiert werden.

Zu wenig Sport

Auch im Breitensport stößt die These der Sportifizierung der Gesellschaft an Grenzen: Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht körperlich aktiv.

Als körperlich aktiv gilt, wer zumindest dreimal pro Woche ins Schwitzen kommt. Laut Statistik Austria trifft das auf ein Drittel der Männer und nahezu ein Viertel der Frauen zu. Dabei spielt die regelmäßige sportliche Betätigung eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsvorsorge, erklärt Bachl: "Als Sportmediziner kann ich nur sagen, dass die gesundheitliche Wirkung von Breitensport uneingeschränkt positiv ist und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht und unabhängig von den meisten chronischen Erkrankungen."

Auch bei fast allen Rehabilitationsprogrammen für chronische Erkrankungen sind Sport und körperliche Aktivität ein wesentlicher Bestandteil. "Die epidemiologischen Untersuchungen weltweit konnten zeigen, dass die Gesamtmortalität durch das grüne Rezept "Exercise Prescription for Health" zwischen 25 und 40 Prozent gesenkt werden kann. Das ist nicht bei allen Erkrankungen gleich, aber selbst bei Karzinomen liegt der Wert bei 20 bis 30 Prozent. Und bei kardiovaskulären Erkrankungen sogar bei 40 Prozent", sagt Bachl.

Im Kern sieht dieses grüne Rezept eine tägliche körperliche Aktivität im Ausmaß einer halben Stunde und zwei-bis dreimal die Woche eine Aktivität mit höherer Intensität, also Sport, vor. Aktuell gilt dies als die wissenschaftlich effektivste Kombination in der Prävention -selbst wenn Menschen ohne Trainingskonzept trainieren.

"Wenn jemand allerding falsch trainiert, hat er nicht nur einen geringen Effekt, sondern riskiert auch Überlastungserscheinungen bzw. Verletzungen und muss behandelt werden", erklärt Bachl. Laut der Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit waren das im Jahr 2011 197.400 Personen. Den mit einem Viertel größten Anteil daran hat neben Fußball und Radfahren das Skifahren. Auch an der Unfallstatistik zeigt sich: Österreich ist eine Ski-Nation.

Österreich, die Ski-Nation

Den hohen Stellenwert, den Skifahren heute genießt, hatte es in Österreich nicht immer. "Als Nationalsport setzt sich Skifahren zu Beginn der Zweiten Republik durch. Es gab natürlich auch Skistars in der Zwischenkriegszeit. Aber damals war das Problem, dass Skilaufen deutschnational geprägt war und einige der Skifahrer darin verwickelt waren", erklärt Spitaler.

Erst als die großdeutsche Anbindung verlorenging, konnte Skifahren ein Baustein der nationalen Identität Österreichs werden. Zum Durchbruch als Nationalsport bedurfte es jedoch noch einer medialen Verankerung. "Seit den Siebzigern hat man das Fernsehen als Generator. Auch mit einer extremen Präsenz, denn damals gab es nur zwei Fernsehkanäle. Den Abfahrtslauf, bei dem Franz Klammer 1976 in Innsbruck Olympiasieger wurde, haben damals wohl fast alle im Fernsehen gesehen und wissen noch, wo sie das gesehen haben", sagt Spitaler.

Voraussetzung für dieses gemeinsame Erleben ist die Identifikation mit den Sporthelden, erklärt Weiß: "Durch diese kann man selbst zu einer tiefen Erfüllung und zu einem Erlebnis gelangen, das ähnlich ist, als wäre man selbst Teilnehmer an diesem Ereignis."

Da das Miterleben bei sogenannten Nationalsportarten kollektiv passiert, ergeben sich daraus gemeinsame Geschichten. Diese werden zum Allgemeingut und so zu einem Element einer kollektiven Identität. Es kommt also zu einer Sportifizierung nationaler Identität. Spitaler meint, es sei selbst im Kontext der Europäisierung zu sehen, dass über Sport nach wie vor nationale Stereotypen produziert werden.

Sport als Integrationsmaschine?

Auch Werron schlägt in diese Kerbe: "Ich glaube, die Bedeutung von Sport als Bühne, auf der nationale Differenzen ausgetragen, gefeiert und kritisiert werden können, ist gar nicht zu überschätzen."

In diesem Kontext mag es widersinnig erscheinen, dass Sport in den letzten Jahren vermehrt Bedeutung als Integrationsmechanismus gewinnt: "Es ist eine Möglichkeit, aber eine riskante. Es kann auch ins Gegenteil umschlagen, weil sich im Wettkampf eben potenzielle Gegner, Konfliktparteien und im schlimmsten Fall Feinde gegenüberstehen."

Weiß beurteilt die Möglichkeiten, Menschen mit Migrationshintergrund durch Sport zu integrieren, durchwegs positiv: Sport verfüge über klare Symbole und sei einer der wenigen Bereiche, in denen die Eigenleistung des Menschen sichtbar, vergleichbar und nachvollziehbar ist. "Wenn es gelingt, Personen mit Migrationshintergrund am Sport teilhaben zu lassen, dann bekommen sie Anerkennung für ihre Leistungen. Und Anerkennung heißt gleichzeitig Integration", resümiert Weiß.

Spitaler ist vorsichtiger und warnt vor einem Begriff von Integration, der Erfolg und Leistung zu deren Bedingung werden lässt. Prägnantes Beispiel dafür ist sicherlich die Krone-Schlagzeile "Ivo jetzt bist du ein echter Österreicher", nachdem Ivica Vastic bei der Fußball-WM 1998 den Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Chile erzielte.

Nackte, schöne Sportlerinnen

Über Sport werden aber nicht nur Nationalitäten, sondern auch Geschlechteridentitäten verhandelt. Laut Rosa Diketmüller, Sportwissenschafterin an der Universität Wien, sind vor allem jene Sportarten medial präsent, die typische Geschlechterbilder wiedergeben.

Sportarten, die klassischen Rollenbildern zuwider laufen, wie das aus dem Amerikanischen stammende Rollerderby, seien deshalb medial kaum präsent. "Man überträgt bei Olympischen Spielen in jedem Fall Beach-Volleyball, weil dabei schöne Körper sichtbar werden", sagt Diketmüller. Die Körper von Frauen werden sexualisiert dargestellt, um den Sport besser vermarkten zu können. So erließ der Beachvolleyball-Dachverband FIVB anlässlich der Olympischen Spiele eine offizielle Bekleidungsvorschrift: Die Shorts der Frauen durften seitlich nur maximal sieben Zentimeter breit sein. Mittlerweile wurde diese Regelung aus Rücksichtnahme auf religiöse Beweggründe wieder gekippt.

Während diese Anpassung an gängige Geschlechterbilder verordnet war, setzten anlässlich der Frauen-Fußball-WM einige Spielerinnen des deutschen Teams diesen Schritt selbst. Sie posierten für den Playboy, um das "Mannweiber-Klischee" zu wiederlegen, erklärte die Spielerin Kristina Gessat. "Die Botschaft ist: Seht her, wir sind ganz normale und hübsche Mädels."

Richtige Männer

Im Männerfußball scheint die Sache jedoch etwas anders zu sein. Laut Spitaler sind dort Geschlechterbilder vorherrschend, die nicht den Mittelklasse-Männlichkeitsmodellen von Managern oder Bankern entsprechen: "Die sieht man im Fußball auch in den Führungsetagen. Doch präsenter sind andere Männlichkeitsbilder, vornehmlich der Working-Class."

Fußball, so seine These, ermöglicht es unterschiedlichsten Männern, sich selber unabhängig vom eigenen Aussehen oder der sozialen Stellung männlich zu machen, und zwar allein dadurch, sich zu Fußball zu bekennen: "Wenn du dich als Fußballfan outest, stellt niemand deine Männlichkeit in Frage." Die Kehrseite davon ist eine zumindest symbolische Homophobie -"schwul" ist letztlich eine Metapher für unmännlich. Paradoxerweise ist die Geschichte des Fußballs auch eine von weinenden Männern - Fans und Spielern. Man kann vielleicht sagen, Sport bietet die Möglichkeit, geschlechtsspezifisch unangebrachte Verhaltensweisen zu erproben, bleibt in deren Bewertung aber ambivalent. Es spricht einiges dafür, dass sich die Männlichkeitsbilder im Fußball verändern. "Fußball ist in eine globale Unterhaltungskultur einbezogen, die in anderen Bereichen bereits viel aufgeklärtere Männlichkeitsbilder transportiert", sagt Spitaler.

Gleichzeitig gibt es vonseiten der Verbände, Vereine und Fans Bemühungen, Rassismus, Sexismus und Homophobie zu bekämpfen. Sowohl Spitaler als auch Werron erkennen eine Veränderung der Fankultur. Dies steht im Zusammenhang mit einer Annäherung von Sport und Jugendkultur. Sport stand lange Zeit für das miefige Lebensmodell einer Nachkriegsgeneration: Erfolg baut auf harte Arbeit und Training. Jugendkultur war der Gegenpol: Glück ist eine Frage der richtigen Musik und der richtigen Drogen. Zumindest für den deutschsprachigen Raum lässt sich festhalten, dass dieses Verhältnis in den Neunzigern aufzubrechen begann.

Sport und Politik

Sport und vor allem Fußball hat für viele Jugendliche und auch Intellektuelle an Anziehungskraft gewonnen, was sich in einer neuen Fankultur widerspiegelt. Werron sagt dazu: "Sie sind spezifisch sportpolitisch politisiert. Nicht unbedingt im breiteren Sinne. Aber sie sind sich ihrer Stellung und Einflussmöglichkeiten deutlich stärker bewusst als frühere Fangruppen und stärker gewillt, das auch gezielt einzusetzen."

Auch Spitaler streicht heraus, dass im Rahmen dieser neuen Fankultur Themen im Kontext des Fußballs und Vereins diskutiert werden, die genuin politisch sind. Es geht um Fragen der Zugehörigkeit, um Besitzstrukturen der Vereine und die Frage, mit welchen Mitteln legitim Erfolg erzielt werden kann. "Ist es eine postdemokratische Entwicklung, wenn diese Fragen im Rahmen des Sports und nicht mehr am politischen Feld diskutiert werden?"

Doch die jüngere Vergangenheit zeigt, dass Erfahrungen in postdemokratischen Entwicklungen für demokratisierende Bewegungen sehr wertvoll werden. Am Tahrir Platz in Kairo haben die Fans von Al-Ahwy sich den Polizeitruppen entgegengestellt. Auch in Istanbul beginnen die Fans von Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray, sich den Protesten anzuschließen. Manchmal ist der Sport eben auch Training für eine neue Gesellschaft.

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