Mädels, ran ans Leder!

Sie sitzen am Rand des Spielfelds. Oder neben den Fußballkäfigen und beobachten Burschen beim Kicken ohne mitzuspielen. Woran liegt es, dass sich weibliche Jugendliche weniger für Sport und Bewegung interessieren als Burschen?

Sonja Burger | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Junge Menschen bewegen sich zu wenig. Dies bereitet vielen Erwachsenen Kopfzerbrechen. In Niederösterreich wurde zwischen 2008 und 2010 im Rahmen der Studie "Get fit Kid" die Gesundheit und Fitness von rund 2.000 Schülerinnen und Schülern zwischen neun und zwanzig Jahren unter die Lupe genommen. Ergometriedaten, Fragebogenerhebungen, Haltungsanalysen sowie ärztliche und sportmotorische Tests sollten die aktuelle Situation umfassend darstellen.

Bemerkenswert ist, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ab einem bestimmten Alter besonders auffällig sind. Während zwei Drittel der unter 14-jährigen Burschen den international empfohlenen Bewegungsumfang von durchschnittlich einer Stunde Bewegung täglich und drei Mal körperliche Anstrengung pro Woche erreichen, sind es unter den gleichaltrigen Mädchen nur 29 Prozent.

"Bei älteren Mädchen rutschen die Werte deutlich auf vierzehn Prozent ab", sagt die Studienautorin Andrea Podolsky, Sportmedizinerin und Leiterin des Instituts für Präventiv-und angewandte Sportmedizin am Landesklinikum Krems.

Ähnliche Tendenzen ergaben auch Erhebungen über die Mitgliedschaft bei Sportvereinen in Tirol. Sind die Mädchen unter vierzehn, macht ihr Anteil an den Vereinsmitgliedern noch 36 Prozent aus. "Danach werden es deutlich weniger und erst ab dem neunzehnten Lebensjahr steigt der Wert wieder", berichtet die Sportsoziologin Barbara Hotter vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck.

Und wie sieht es mit dem Schulsport aus? Traurig, aber wahr: Außerhalb des Sportunterrichts bewegen sich ältere Mädchen laut Podolsky in ihrer Freizeit kaum. Burschen sind aktiver und gleichen so auch das Fehlen eines sportlichen Angebots wie etwa an Berufsschulen durch Vereins-und Freizeitsport aus.

Frust bei ihr, Erfolg für ihn

Um zu verstehen, warum ein fünfzehnjähriges Mädchen plötzlich die Lust am Sport verliert, ist ein Blick auf die Sexualhormone hilfreich. Bis zum zehnten oder zwölften Lebensjahr, also dem Eintreten der Pubertät, verläuft die Leistungsentwicklung von Mädchen und Burschen gleich gut. Bedingt durch das Sexualhormon Testosteron legen Burschen unabhängig von ihrer körperlichen oder sportlichen Aktivität danach kontinuierlich an Muskelmasse und Kraft zu.

Anders bei Mädchen, egal ob schlank oder nicht: Die hormonelle Umstellung bewirkt, dass der Körperfettanteil stärker zunimmt als die Muskelmasse. In der Folge stagniert ihre Leistungsfähigkeit, was Frustrationspotenzial birgt. Zwar können bei Jugendlichen die individuellen Unterschiede in punkto Leistungsfähigkeit groß sein; die Muskelfasern von Frauen sind dennoch schlanker und ihre Kraft ist in absoluten Zahlen um rund 25 Prozent geringer.

"Kraft ist aber trainierbar. Bei gleichem Training ist der Muskelzuwachs in Relation zum Ausgangswert bei Männern und Frauen gleich", betont Podolsky. Was die Hormonumstellung und ihre Folgen betrifft, sei auf Seiten der Trainer mehr Einfühlungsvermögen gefragt, damit sich die Mädchen nicht aus Frust vom Sport abwenden. "Jede Eigenschaft, die für die Ausübung einer Sportart notwendig ist, muss unabhängig vom Geschlecht gezielt aufgebaut werden", ergänzt die Sportmedizinerin.

Gesucht: Trainerin, weiblich, begabt

Das bedeutet Training, Training und nochmal Training. Bis vor wenigen Jahren hatten junge Mädchen, die bis zur U-15 gemeinsam mit den Burschen kickten, keine Chance auf eine Fußballerausbildung. Oft scheiterte der Wunsch an der Infrastruktur kleiner Vereine.

Mit dem "Nationalen Zentrum für Frauenfußball" des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) in St. Pölten ermöglicht man jungen Mädchen ab vierzehn Jahren eine duale Ausbildung. "Leider kann man als Fußballerin in Österreich nicht davon leben, weshalb die Schulbildung nicht zu kurz kommen darf", betont ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner.

Eine, die von ihrer Tätigkeit beim ÖFB leben kann, ist Irene Fuhrmann, Österreichs erste Fußball-Nationaltrainerin. Obwohl sie die erforderliche UEFA-Profi-Lizenz nicht mitbrachte, wurde ihr aufgrund ihres Talents dennoch die Möglichkeit geboten und so trainiert sie heute die U-19 Frauenfußball-Nationalmannschaft.

Dass man aktiv auf sie zuging, hatte laut Ruttensteiner einen Grund: Viel zu wenige Frauen trauen sich die Laufbahn zur Trainerin zu. Vor allem jenseits von Sportarten wie Eiskunstlauf oder Rythmischer Gymnastik sind weibliche Trainerinnen Mangelware. Dieser Kritik schließt sich auch Hotter an und ergänzt, dass "es nach wie vor gesellschaftlich weniger akzeptiert ist, wenn eine Frau neben Beruf und Familie als Trainerin oder Funktionärin auftritt". Damit verzichten die Frauen aber auf ihre Einflussmöglichkeit bei der Sportentwicklung und der weibliche Nachwuchs steht ohne Vorbilder da.

Die gefährdete Gebärmutter

Wie wichtig Vorbilder sind, wird bei vielen Sportarten deutlich. Doch ob Fußball, Radfahren, Boxen oder Frauen-Skispringen: Der gesellschaftlichen Anerkennung geht stets ein langer Kampf voraus und der Weg verläuft meist ähnlich.

"Zu Beginn braucht es Pionierinnen, die sich über gesellschaftliche Zwänge hinwegund gegen den Widerstand der Männer durchsetzen", resümiert der Sporthistoriker Rudolf Müllner vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. Was die Argumente gegen die Teilhabe von Frauen am Sport betrifft, reicht die Bandbreite von unästhetisch und gefährlich bis hin zu pseudo-medizinischen Aussagen.

Ende des 19. Jahrhunderts befürchtete Man(n), dass die Gebärmutter beim Radfahren - ein wichtiger Part in der Emanzipationsbewegung - zu stark erschüttert werde. Vor wenigen Jahren sprach sich FIS-Präsident Gianfranco Kasper gegen das Frauen-Skispringen aus, da durch die Wucht des Aufsprungs die Gebärmutter zerstört werden könne.

"Das Einzige, was dabei reißen kann, ist das Kreuzband", widerspricht Podolsky. Für Frauen sei das Risiko eines Kreuzbandrisses etwa bei Ballsportarten oder beim Skifahren doppelt bis dreifach so hoch.

Ein systematischer Trainingsaufbau, Kraft-,Koordinations- und propriozeptives Training, das das Zusammenspiel von Muskel und Nerv fördert, reduziert das Verletzungsrisiko. Eine gute Gelenkstabilität brauchen auch die Skispringerinnen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi; das Frauen-Skispringen wurde nach langem Ringen ins olympische Programm aufgenommen.

Bleibt offen, ob das von den Medien registriert wird. Die Experten kritisierten unisono, dass im heimischen Sportjournalismus die weiblichen Attribute der Sportlerinnen mehr Bedeutung hätten als ihre Leistung.

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