Germanistik

Was kann die Editionsgeschichte für das Werk von Ödön von Horváth praktisch leisten?

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Bezahlte" Dissertationen sind für Geisteswissenschafter selten. Martin Vejvar hat Glück. Der Germanist schreibt seine Dissertation "Der Nachlass Ödön von Horváth im Spannungsfeld Archiv - Edition - Interpretation" im Rahmen eines vom FWF finanzierten Editionsprojekts am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

Dort erscheint seit 2009 die 18-bändige historisch-kritische "Wiener Ausgabe sämtlicher Werke" Horváths (Leitung: Klaus Kastberger). "Durch die Arbeit daran habe ich die intensive Kenntnis von Horváths Nachlass, die für meine Dissertation wichtig ist", sagt Vejvar.

Was leistet eine historisch-kritische Ausgabe? Martin Vejvar: "Wir stellen nicht nur gesicherte Endfassungen der Texte her, sondern rekonstruieren auch anhand der überlieferten Materialien deren Genese. Uns interessieren eilig hingekritzelte Entwürfe ebenso wie mehrfach überarbeitete Typoskripte, die wir chronologisch aufeinander beziehen und in voller Breite zugänglich machen." Dass Horváths Nachlass kompakt vorhanden ist, erleichtere die Editionsarbeit.

In einem "kritisch-genetischen Apparat" am Fußende jeder Seite werden alle Textänderungen vermerkt, bis hin zu den Beistrichen. Warum ist das wichtig? Vejvar: "Alle Änderungen durch den Autor selbst müssen abgebildet werden, jeder editorische Eingriff nachvollziehbar sein. Von Horváth liegen nur wenige Werke als voll autorisierte Drucke zu Lebzeiten vor.

Der Rest existiert als Theaterbücher in Mini-Auflagen für die Bühnenarbeit. Die Textgrundlage der bisherigen Horváth-Ausgaben wiederum ist unklar, die Texte oft verfälschend transkribiert." Mit der "Wiener Ausgabe" werde eine editorische Lücke geschlossen. Martin Vejvar: "Wir schaffen eine verlässliche Basis für weitere interpretatorische wie theaterpraktische Arbeit. Zum Beispiel hat Frank Castorf vor Kurzem in München "Kasimir und Karoline" auf Basis unserer Ausgabe inszeniert."

Sechs der 18 Bände sind bereits erschienen. Der FWF-Vertrag läuft bis Sommer 2015: "Dann sollte ich auch mit der Dissertation fertig sein."

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