Ethnologie

Sexistisches Stroh am Dach: Volksbräuche und Frauennachlässe als wissenschaftliche Quellen

Sonja Burger | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Am Abend vor Allerheiligen konnte man früher in Weinviertler Dörfern einem seltsamen Treiben zusehen. Junge Burschen warfen Strohgeflechte, auch "Allerheiligenstriezel" genannt, auf einzelne Dächer und markierten damit jene Häuser, wo unverheiratete Mädchen wohnten.

Für die Europäische Ethnologie waren und sind solche Objekte höchst interessant. Wie sie gedeutet werden, hängt jedoch von der Forschergeneration ab.

Die Metapher "sexistisches Stroh" zeigt laut Matthias Beitl, Kurator der Ausstellung "Gelehrte Objekte? Wege zum Wissen" und Direktor des Volkskundemuseums, diesen Wandel auf: Unter konservativen Vorzeichen wurde der Brauch als Rügebrauch gedeutet, während sich später durch eine feministische Perspektive eine weitere Interpretationsmöglichkeit erschloss.

In der Ausstellung zeigen elf Sammlungen der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien die Vielfalt ihrer Arbeitsweisen und der Menschen dahinter.

Eine Besonderheit ist die "Sammlung Frauennachlässe": Edith Saurer gründete sie 1989 und der Bestand dieser Forschungssammlung wächst nach wie vor.

"Wir sprechen gezielt auch die Öffentlichkeit an. Jenen Menschen, die uns eigene Dokumente, sprich Vorlässe, oder Nachlässe aushändigen, wollen wir auch etwas zurückgeben", betont Christa Hämmerle, Leiterin der Sammlung. Deren Bandbreite und die Offenheit für verschiedene bio- und autobiografische Darstellungsformen machen sie im deutschsprachigen Raum einzigartig.

"Vielen ist heute bewusst, dass etwa Tagebücher, Haushaltsaufzeichnungen oder Fotoalben wertvolle Quellen für die Wissenschaft sind", sagt die Betreuerin der Sammlung, Li Gerhalter.

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