Schwammerlsuchen als Wohlstandsfaktor

Das FWF-Projekt Europäischer Sportindex vergleicht die gesellschaftliche Bedeutung des Sports in verschiedenen Ländern

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Geselliges Vereinsleben im lokalen "Svampklubb", Kurse, Exkursionen mit dem Mikroskop im Rucksack und am 1. September der jährliche Schwammerltag ("Svampens Dag"): in Schweden nichts Besonderes. "Svampplockning", Schwammerlsuchen, wird als sportlicher Wettkampf betrieben. Die 1879 gegründeten Stockholmer Pilzfreunde ("Stockholms svampvänner") bilden einen der ältesten Klubs.

Ambitionierte Pilzsammler gibt es auch hierzulande. Doch würden sie auf die Frage, welchen Sport sie am liebsten betreiben, zur Antwort "Schwammerlsuchen" geben?

"Es gibt Kulturunterschiede und regionale Besonderheiten", sagt Otmar Weiß, Sportsoziologe am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. "In Skandinavien ist Sport ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Wenn man dort das Hintergrundwissen hat, um zeitökonomisch Pilze zu sammeln, hat man einen hohen Stellenwert."

Weiß erforscht mit Kollegen die "Gesellschaftliche Bedeutung des Sports im Europäischen Vergleich" - eine Folgestudie des vor zwei Jahren abgeschlossenen Bundesländerindex über die Bedeutung des Sports in Österreich. Der Bundesländerindex ergab ein starkes West-Ost-Gefälle. Die Hypothese lautete: Je stärker die Sportidentität, desto größer die Bedeutung des Sports im Bundesland.

"Neben einer Berufsidentität oder einer religiösen Identität haben Menschen auch eine Sportidentität", sagt Weiß. "Identitätsbestätigung ist ein Grundbedürfnis. Das geht im Sport leichter, weil seine Symbole leicht verständlich sind. Im Sport geht's um die Eigenleistung, und die ist nirgendwo sonst so transparent."

Skiläufer haben in Österreich die am stärksten ausgeprägte Sportidentität. Sie können ein hohes Einkommen erzielen, was wiederum die Motivation steigert. Und das Ansehen ist hoch. Schlecht steht es um die Identität österreichischer Profi-Volleyballerinnen. Sie verdienen wenig, kamen meist durch Zufall zum Sport und werden ihn nach Ende des Studiums nicht weiter ausüben. "Eine Frau ist in Österreich anerkannt als Berufstätige, aber nicht als Volleyballerin oder Fußballerin", sagt Otmar Weiß. "Frauen-Volleyball oder Frauen-Fußball kommen im Fernsehen kaum vor." In Österreich sei generell wenig Bewusstsein für Frauensport vorhanden.

Das macht den internationalen Vergleich spannend. Daten gibt es aus Deutschland, Finnland, Holland, Italien, Polen, Schweden und der Schweiz. Anhand von Indikatoren wie zum Beispiel Häufigkeit der Sportausübung, Sportförderung, Anteil der Vereinsmitglieder in Relation zur Bevölkerung und Medienberichterstattung wird ein Index erstellt, der die Bedeutung des Sports ausdrückt. Nach ersten Auswertungen zeichnet sich für Europa ein Nord-Süd-Gefälle ab.

"Sport ist eine Maßzahl für die Lebensqualität: Das Ausführen von Sport kostet Geld, und je mehr Sport betrieben wird, desto höher ist die Gesundheit. Der europäische Sportindex lässt Schlüsse auf die ökonomische, politische und soziale Situation in einem Land zu."

Linktipps:

http://institut-schmelz.univie.ac.at/abteilungen-arbeitsbereiche/sportsoziologie/forschungsprojekte (Link zum Projekt "Europäischer Sportindex")

http://www.svampar.se/ (Homepage der Schwedischen Gesellschaft für Mykologie)

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