Orientalistik

Warum der Koran nicht wortwörtlich zu nehmen ist, sondern stets neu interpretiert werden muss

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Der Koran ist kein geschriebener Text, sondern mündlicher Vortrag. Bis weit ins 20. Jahrhundert war nicht der geschriebene Text autoritativ, sondern die gelebte Rezitation, der improvisierte Text. Das ist der Koran", sagt der Orientalist Navid Kermani. Er betrachtet den Koran nicht als ein Schriftstück, sondern als die Geschichte seiner eigenen Interpretation.

Der Koran ist, anders als die Bibel, kein Text über Gott, sondern Gott spricht im Koran in erster Person. Darum sei eine menschliche Interpretation notwendig. Der Koran gilt so als die Geschichte seiner eigenen Interpretation, Mohammed sei sein erster Interpret gewesen.

Eine klassische Koraninterpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert folgt einem wiederkehrenden Schema. Dem Koran-Vers folgen verschiedene Interpretationen, die mit der Floskel "Es wird gesagt, dass " eingeleitet werden. Auf sechs oder sieben unterschiedliche Interpretationen folgt die eigene Auslegung des vortragenden Interpreten, die mit der Formel "Aber Gott weiß es besser" abgeschlossen wird. Eine wortwörtliche Auslegung des Korans ist also völlig antithetisch. Was der Vers wirklich meint, würde letztlich ja nur Gott wissen.

Für die Verschriftlichung des Islams gibt es mehrere Gründe. Die orthodoxe Islaminterpretation sei im Lauf des 18. Jahrhunderts immer mehr an ihren eigenen Regeln erstarrt. Die Renaissance der arabischen Hochsprache trug dazu bei, dass nun jeder den Koran verstehen konnte, während dieser gleichzeitig als gedruckter Text weite Verbreitung fand.

Die Demokratisierung des Zugangs zum Koran schuf erst die Möglichkeit, die Deutungshoheit der orthodoxen Islaminterpretation herauszufordern. "Die Muslim-Brüder-Bewegung ist nicht in den Moscheen, sondern in der Ingenieurkammer und unter den Ärzten in den Krankenhäusern entstanden", sagt Kermani. "Man wollte zurück zur reinen Schrift und das hat zu reformatorischen Bewegungen ebenso geführt wie in den Fundamentalismus. Der ist ursprünglich aus einer Reformbewegung entstanden und wollte den ganzen Ballast der Tradition abwerfen."

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