Haidingers Hort der Wissenschaft

Am Beispiel Fußball

Martin Haidinger | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Immerhin", denkt sich Anrainer des Felix-Horr-Stadions in Wien-Favoriten, wenn er an manchen Sonntagen die Meute an Fans rudelweise im Troglodytenschritt an sich vorbeitrotten sieht, "immerhin traben diese kriegsbemalten Gestalten nicht ins Gefecht, sondern nur zum Fußballspiel".

Dort tummeln sich jene, die vor Zeiten die Schlachtfelder bevölkerten: ein paar überbezahlte Profis (Generäle/Trainer) und Spezialisten (Gardisten/Fußballer), Profiteure und Kriegsgewinnler (Marketenderinnen/Bier-und Wurstverkäufer) sowie jede Menge tumbes Fußvolk (einfache Soldaten/"Fans"). Letztere heutzutage wenigstens freiwillig.

Das ist ein Fortschritt. Damit hat sich's aber auch schon.

Moderner Sportbetrieb, auch wenn er missverständlich und falsch von den heiligen und mysteriendurchzogenen Olympischen Spielen der Antike hergeleitet wird, ist mitnichten eine Friedensveranstaltung, sondern nützt basale Instinkte und Aggressionen der Menschen, um den dafür verantwortlichen Herrschaften Profit zu verschaffen und die ihm Verfallenen von entscheidenderen Facetten öffentlichen Lebens, wie Politik, Soziales und Kultur, abzulenken.

Der Sportzirkus kostet den Steuerzahler viel Geld, das freilich nur der engen Zielgruppe der Fans zugute kommt.

Erstaunlich, welch hohe Summen anstandslos in TV-Sportrechte und den Bau hybrider Stadien gesteckt werden und wie prompt in Wien sonntags manche Straßenbahnen plötzlich im Zwei-Minutentakt fahren können, wenn es gilt, Fußballfans zu bedienen. Dem arbeitenden Volk werden unter der Woche weit längere Intervalle zugemutet.

Wie hochtrabend die angeblich völkerverbindende Wirkung der Leistungssportaufführungen auch beschworen werden mag, so gilt doch: usus docet - der Gebrauch lehrt es uns.

Sport macht nicht friedfertig (wozu bräuchte man sonst so viel Polizei zur Bändigung rabiater "Fans"?), nicht gescheit (siehe das Beispiel geistig unterbelichteter Football- und Baseball-Kanonen, die an US-Universitäten ihren intelligenteren Kollegen vorgezogen werden) und er macht auch nicht gesund (denn gesund ist Körperbewegung und nicht das hochgedopte Treten nach fremden Wadeln und Schienbeinen).

Sport ist wertfreie Unterhaltung, Gegenstand soziologischer Betrachtungen, und bringt einigen Leuten Geld. Das ist alles.

Wer Freude daran hat, soll das Spiel genießen, aber nicht so tun, als sei es darüber hinaus für etwas Höheres gut.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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