Was am Ende bleibt

Der Schiri ist ein Schwein

Erich Klein | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

So gern der Satz "Mens sana in corpore sano" für alle Formen sportlicher Betätigung seit alters her ins Rennen geführt wird, so lange ist klar, dass es im Sport um Sieg oder Niederlage geht, um Helden und deren Legenden von Aufstieg und Fall. Daran hat sich von Pindars olympischen Oden bis zum blamablen Kasus des siebenfachen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong nichts geändert. Die Aufdeckung von Doping beim amerikanischen Radrennfahrer brachte eine ganze Disziplin in Misskredit. Gehörte das Foul-Spiel, das längst allgemein bekannt war, zum Sport selbst?

Hans Lenk, deutscher Sportphilosoph und in den Sechzigerjahren selbst Olympiasieger und Europameister im Rudern, konstatiert in Bezug auf unseren Umgang mit Sport dementsprechend ernüchtert: "Unsere Gesellschaft ist sowieso schizophren. Im Alltag ist es ja auch so, dass fast jeder sich dopt. Sport ist schizophren." Der Umstand, dass wir in keiner Gentleman-Konkurrenzgesellschaft leben, würde Regeln der Fairness aber dennoch nicht grundsätzlich widerlegen; als Anleitung für Jugendliche dürfen sie weiterhin Geltung beanspruchen

Von derartigem ethischen Minimalismus waren im 20. Jahrhundert die Vorläufer heutigen medialen Heldentums in Sachen Sport ohnedies nicht angekränkelt: Hitler mobilisierte Olympia ebenso für sich wie Stalin die Architekturen des Sozialismus mit Mosaiken von Turmspringerinnen oder Eishockeyspielern verzierte. Chinesische Sportlerinnen sind immer auch Werbeträger auf einem der entwicklungsfähigsten Sportartikelmärkte. Eine Nation gerät in Verzückung ob eines Triumphes, und selbst der unbedeutendste Provinzpolitiker posiert mit dem siegreichen Nachwuchstalent - bis der Skandal auffliegt.

Ist Sport tatsächlich nur noch ein korruptes "Sportstück", wie Elfriede Jelinek meint? Fast alles spricht für diese Sichtweise - gäbe es nicht eine Vielzahl von Gegenbeispielen: Der von Stalin ein Leben lang malträtierte Komponist und Fußballfan Dmitrij Schostakowitsch bekannte: "Das Stadion ist in diesem Land der einzige Ort, wo man laut die Wahrheit über das sagen kann, was man sieht." Und der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan bezeichnete die Liebe zum Fußball gar als "Liebe zum Unmöglichen".

Was damit gemeint ist, macht der Schlachtgesang der Fans aus Donezk deutlich: "Einer geht noch, einer geht noch rein, / Ihr seid Wichser, der Schiri ist ein Schwein."

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