Was am Ende bleibt

Die Basarows haben gewonnen

Erich Klein | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

Iwan Turgenjews "Väter und Söhne" löste 1862 bei seinen Lesern einen Sturm der Entrüstung aus, mehr als je ein Roman zuvor. Das Buch traf auf eine durch Reformen in Bewegung geratene Gesellschaft - im rückständigen, zaristischen Russland traten die Gegensätze zwischen Tradition und Fortschrittspathos deutlich zutage. Wie im Rest der Welt befand sich die junge Generation auf der Suche nach Idealen und Vorbildern. War Turgenjews Protagonist Basarow, ein angehender Arzt, eine positive oder negative Figur, Held oder Teufel?

Es mochte noch hingehen, anstelle von humanistischem Geschwafel auf Handfestes zu setzen: Wissenschaft, experimentelle Überprüfbarkeit, Wahrheit. Auch jene Propaganda klang plausibel, doch besser Ludwig Büchners "Kraft und Stoff", damals die Bibel des Materialismus, zu lesen statt Gedichte von Puschkin.

Aber Zerstörung um der Zerstörung willen - was ist das für ein Prinzip? Basarow macht sich über seinen Freund Kirsanow lustig, der sich während eines Spazierganges in die Schönheit der Felder und des Sonnenuntergangs hineinträumt: "Die Natur ist kein Tempel, sondern eine Werkstatt, und der Mensch ist darin der Arbeiter."

Was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Höchstmaß an kreativem Potenzial anzubieten schien (Werkstatt statt Tempel), erwies sich in der Folge als massentauglich. Doch gemäß literarischer Maßstäbe galten Jules Vernes experimentelle Erzählungen als gerade noch akzeptabel - und Science Fiction als Sektierertum.

Warum will in der Gegenwart niemand große Literatur über Wissenschaft und Forschung schreiben? Selbst Robert Musils Versuch, in der Figur seines "Mannes ohne Eigenschaften" Genauigkeit und Seele zu verknüpfen, nimmt sich blass aus. Zumindest im Vergleich zu Jewgenij Basarow. Dessen wohlbegründete Weltsicht scheitert an zwei Unwägbarkeiten: nicht erwiderte Liebe und ein läppischer Arbeitsunfall. Der Nihilist infiziert sich beim Sezieren eines Typhuskranken und stirbt daran.

Wer heute Turgenjew liest, dem wird klar: Die Basarows haben gewonnen. Das Zusammenleben eines Großteils der Menschen wird durch quantitative Methoden und Kosten-Nutzen-Rechnungen beherrscht. Die Nachfahren der Kirsanows opponieren mit ihrer Vorliebe für Nutzloses, Poesie und Antipragmatismus gegen den Zeitgeist. Ob daraus Neues entsteht, sei dahingestellt.

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