Was Wissenschaft künftig erforscht

Ein Blick auf Forschungsfelder, die für die Forschung in Zukunft noch wichtiger werden. Und eine Warnung vor Prognosen

Elly Kiss und Jochen Stadler | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

habe vor Kurzem ein Buch mit dem Titel ,Die Welt in hundert Jahren' gelesen", sagt Christoph Kratky von der Uni Graz und bis Juni dieses Jahres Präsident des Wissenschaftsfonds (FWF)."Es wurde 1913 von Wissenschaftern, Kulturschaffenden und Schriftstellern geschrieben - allesamt hochkarätig schlaue Leute. Hundert Jahre später ist es nun interessant, ihre Prognosen zu lesen. So was von daneben!"

Wie wird diese Ausgabe Falter Heureka in hundert Jahren wirken? Sicher auch voll daneben. Wir versetzen eben gerne in die Zukunft, was uns heute Probleme macht, und erwarten dort ihre Lösung.

Unsere größten Probleme momentan: Ressourcen werden knapp, die Leute leben so lange, dass ihr Geist vor dem Körper stirbt, und das Wetter spielt verrückt. Nun könnten wir unser Mobilitätsverhalten ändern, der Oma jedes Mal aufs Neue erklären, dass wir ihre geliebten Enkerln sind, und uns mit Hitzeperioden und periodischem Hochwasser abfinden.

Wir können aber auch Wissenschafter bitten, diese Probleme zu lösen. Doch welche Forschungsfelder sollen sie als erstes beackern? Und übersehen sie nicht etwas, wenn sie nur an dem forschen, was uns gerade jetzt wichtig erscheint? In vielem sind wir uns mit den Experten nicht einig, welche Entwicklungen wirklich nötig sind.

Das Auto bleibt auch künftig ein Dauerbrenner

Edgar Schiebel vom Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien ist professioneller Scout für Forschungsfelder, die gerade aufkeimen. Manche Zukunftsthemen wie die eingangs genannten seien offensichtlich wichtig, meint er. Viele Forscher befassen sich überdies mit Internet- und Netzwerksicherheit, weil das Wirtschaftssystem weltweit auf elektronischer Kommunikation beruht, und Schadensprogramme wie "Stuxnet" sogar Atomkraftwerke angreifen können.

Ein Dauerbrenner in der Forschung bleibt das Auto. Womit soll es fahren, um Klima und Ressourcen zu schonen? Wie kann es mit anderen kommunizieren, um sie vor einem Unfall, Stau oder Glatteis zu warnen? Soll es dem Fahrer das Lenken komplett abnehmen?

Bevor praktische Lösungen dieser Fragen angestrebt werden, sollten Sozialwissenschafter untersuchen, ob wir so etwas überhaupt wollen, meint Schiebel. "Technisch funktioniert es schon, dass ein Auto selbstständig fährt und Sie irgendwohin bringt, während Sie Kaffee trinken und einen Artikel schreiben."

Doch Juristen sind nicht so schnell wie Ingenieure. Es sei zum Beispiel noch nicht geklärt, wer bei einem Unfall eines autonom fahrenden Autos zahlt. "Wenn ich gerade an meinem Kaffee nippe und es macht plötzlich bumm!, sage ich sicherlich: Ich war's nicht, die Steuerung ist schuld."

Die Wünsche der Bürger als Grundlagen für Experten

Mit Fragen, was Technologien für Entwicklungen anstoßen, befasst sich Mashid Sotoudeh vom Institut für Technologiefolgen-Abschätzung. Sie lädt Gruppen von Menschen mit möglichst unterschiedlichen Erfahrungen wie Schüler, Pensionisten, Angestellte oder Eltern in Karenz zu gemeinsamen Kreativ-Workshops ein, bei denen sie ihre Zukunftsängste und -wünsche zu Zukunftsvisionen reifen lassen. "Daraus formulieren dann Fachleute Empfehlungen für die Politik", erklärt sie. So können Wünsche aus der Bevölkerung mit dem Wissen der Fachleute verknüpft werden und die Politik erreichen, hofft Sotoudeh.

Die Wünsche betreffen attraktive öffentliche Verkehrsmittel, Forschung für ein selbstbestimmtes Leben im Alter sowie "Fortschritt durch Rückschritt: Forscher sollten keine Angst haben, Modelle, die früher gut funktioniert haben, daraufhin zu prüfen, ob sie auch in Zukunft relevant sein könnten", sagt Sotoudeh. Außerdem soll sich das Augenmerk von Experten und Politikern nicht nur auf "smarte" Städte konzentrieren, sondern sich auch auf den ländlichen Raum richten.

Die EU setzt in der Forschung auf "Horizon 2020"

Weniger kreativ geht die EU vor. Statt auf Wünsche und Einfallsreichtum setzt sie auf zigtausende Gutachten sowie Stellungnahmen von Wissenschaftern und Experten aus ganz Europa. Daraus destillierte sie ihr 70 Milliarden Euro teures Forschungsförderprogramm "Horizon 2020". Damit soll die Wirtschaft des "alten" Kontinents für die nächsten sieben Jahre exzellent gemacht werden, um der Industrie eine führende Rolle zu verschaffen und Probleme wie Klimawandel, Gesundheitsversorgung und Verkehr zu lösen.

Die Kommission hebt im Programm "Schlüsseltechnologien" hervor, etwa Informations-,Kommunikations-,Nanound Biotechnologie. "Dennoch orientiert sich das Programm weniger an einzelnen Forschungsthemen als an gesellschaftlichen Herausforderungen", erklärt Andrea Höglinger von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG)."Europa ist zwar Weltmeister im Produzieren von Forschungsergebnissen, aber gleichzeitig eines der Schlusslichter, wenn es gilt, daraus innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen", sagt sie. Deshalb habe die EU in "Horizon 2020" erstmals Forschung und Innovation zusammengenommen und letzterer "massiven Vorrang verschafft".

"Horizon 2020 ist ein typisches Beispiel, bei dem sich im Zug eines langen Verhandlungsprozesses sogenannte Stakeholder am Ende auf Zukunftsprioritäten festlegen", sagt Christoph Kratky. Die Stakeholder verfolgen dabei auch ihre Interessen. "Das ist ein kollektiver Prozess, und jeder sagt, was er für wichtig und richtig hält. Da wird viel lobbyiert, und am Ende ist es eine politische Entscheidung, was mit dem Geld gemacht werden soll." Nicht nur ein legitimes Vorgehen, wie Kratky meint, sondern in der industriellen Forschung und Entwicklung auch gar nicht anders möglich. "Da braucht es Vorgaben."

Grundlagenforschung ist keine Geldverschwendung

"Natürlich gibt es auch sich selbst erfüllende Prophezeiungen der Experten", meint Kratky. Wenn viele sagen: Demenz ist ein wichtiges Thema, wird viel darüber geforscht werden und in dreißig Jahren mehr Wissen über die Krankheit bestehen.

"Das ist ja nicht schlecht. Ein Schaden entsteht nur dann, wenn man andere Gebiete vernachlässigt, die im Moment nicht so wichtig scheinen. Wenn Politiker sagen, ein Thema sei unwichtig, wird es gefährlich. Denken Sie an Herrn Leitl, der vor einiger Zeit behauptet hat, Grundlagenforschung sei für Österreich unwichtig, damit verplempern wir nur unser Geld."

Es gäbe aber praktisch kein Land, das in einer Disziplin Weltspitze werden konnte und die anderen vernachlässigt habe. "Auch wenn es sehr wichtig ist, Technologien zu optimieren, darf man nicht vergessen, dass die großen Innovationen alle aus der Grundlagenforschung kommen."

In dieselbe Kerbe schlägt auch Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle: "Forschung ohne sofort erkennbaren Nutzen ist nicht nutzlos, sondern legt die Grundlage für wirklich Neues", meint er. Gleichzeitig sei es für die Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Ressourcenknappheit sinnvoll, thematische Schwerpunkte zu setzen.

"Die wichtigen Neuerungen kann man nicht voraussehen", sagt Christoph Kratky. Viele davon entstehen als Nebenprodukte der Forschung. So stammen zum Beispiel Computerchips aus der Raumfahrt. Das Internet wurde an einem Kernforschungszentrum entwickelt.

Fragt man Experten, wie die Welt in Zukunft aussieht, können sie nur die aktuellen Technologien in die Zukunft projizieren.

Aber was in dreißig oder hundert Jahren passieren wird, ist ein Thema für Literatur und Film. Dort werden Zukunftsszenarien auch spannender dargestellt als in Gutachten, Förderanträgen und in den Stellungnahmen von Expertengremien.

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