Kulturanthropologie

Yoga und der Wiener Okkultismus

Esoterische Kreise der vorvorigen Jahrhundertwende in Wien und die Vermittlung von Yoga

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

Die Rolle Wiens bei der Popularisierung von Yoga in Europa ist kaum bekannt, aber umso interessanter. Der Religionswissenschafter Karl Baier, selbst Yogalehrer, erforscht das Phänomen. Bei der in Wien abgehaltenen Konferenz Yoga in Transformation. Historical and Contemporary Perspectives on a Global Phenomenon referierte er über den "Wiener Okkultismus"(1880 bis 1914).

Freimaurer, Künstler, Seelenärzte - für sie verkörperte der Yogi, der seinen Körper perfekt beherrscht, alles, was über "normale" Wissenschaft hinausging: willkürlichen Herzstillstand, Trance und Hypnose. "Da wurden richtige Performances mit Yogis abgehalten", sagt Baier. Rundherum ein paar Ärzte, die Puls und Körpertemperatur maßen. "Man wollte handfeste Beweise, dass der Mensch mehr kann, als die Wissenschaft weiß." Die Wiener Theosophen um Friedrich Eckstein trafen sich im Schloss Bellevue am Cobenzl, später berühmt, weil Freud dort seine Traumtheorie entwickelte. "Das waren Summer-Retreats, wo man gemeinsam komponierte, diskutierte und kochte -eine frühe Form von Alternativkultur", sagt Baier.

Überhaupt, Essen: Schon Ende der 1870er gab es im ersten Bezirk ein vegetarisches Restaurant, das Freuds Studienfreund und Mitarbeiter Eckstein in seinen Memoiren beschreibt. Karl Baier: "Es verkehrten dort zwei Parteien: die Pythagoräer, also die Esoterikfront, und die Sozialisten, die die Weltrevolution planten."

Über Eckstein und andere kam Freud mit Yoga in Verbindung. Dass er selbst praktizierte, ist laut Baier aber ausgeschlossen.

Sein Interesse sei mehr psychologischer Natur gewesen. "Im Unbehagen in der Kultur geht Freud auf Yoga ein", sagt Baier. Ganz anders Carl Kellner (1850-1905), zentrale Figur der Zeit.

Der Chemiker und Papierindustrielle war ein Fitnessfreak: Er trainierte mit dem Wiener Berufsathleten Jagendorfer Keulenschwingen - und soll sich damit auf die Yoga-Atemübungen vorbereitet haben. Für den 3. Internationalen Psychologiekongress in München 1896 schrieb er das Traktat Yoga. Eine Skizze über den psycho-physiologischen Teil der alten indischen Yogalehre. Der Text ist in dem Satanismus-Buch des Psychologen und Theologen Josef Dvorak, eines ehemaligen "Wiener Aktionisten", abgedruckt. - Kein Zufall: Kellner wird immer wieder (zu Unrecht) nachgesagt, ein Begründer des O.T.O. (Ordo Templi Orientis) gewesen zu sein, der vor allem mit einem Namen assoziiert wird: Aleister Crowley, Satanist und New-Age-Guru.

Beim Kongress in München war ein Inder namens Pratapa anwesend, der dort den ganzen Tag in einer "Yogaschlaf" bezeichneten Trance verweilte. Kellners Fazit: "Die Yogaübungen bilden eine Art von fortgesetzter Autosuggestion und Autohypnose und könnten durch entsprechende Regelung dazu benützt werden, um gewünschte physiologische und oder psychische Veränderungen hervorzubringen."

Carl Kellner wurde nach seinem Tod zur Kultfigur in der okkulten Szene. In der Yogaszene ist er heute vergessen -so wie der deutsche Theosoph Franz Hartmann, der 1899 in der Wiener Rundschau einen weiteren wichtigen Yoga-Artikel publizierte: Über die Bhagavadgita der Indier. Die Bhagavadgita, ein über 2000 Jahre altes Sanskrit-Epos, ist ein zentraler Text des Hinduismus und des Yoga. 1904 veröffentlichte Hartmann eine Übersetzung aus dem Englischen.

Die Yoga-Proponenten Hartmann, Kellner und Eckstein waren nicht nur bekannt, sie waren Freunde. Außerdem interessierten sich "Intellektuelle, interessierte Bürger und Aristokraten für Yoga", sagt Baier. "Aber ob sie wirklich Yoga praktizierten, das ist die Frage. Die meisten sympathisierten wohl nur mit Mystischem und Asiatischem - als Gegenmodell zum Katholizismus."

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