Freistetters Freibrief

Die Zukunft

Florian Freistetter | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

Wissenschafter forschen, damit wir in der Zukunft mehr über die Welt wissen als heute. Aber bis die Zukunft da ist, kann es dauern. Forschungsergebnisse erhält man manchmal erst nach Jahrzehnten. So vergingen fast fünfzig Jahre von den ersten Ideen zum Higgs-Mechanismus im Jahr 1964 bis zur Entdeckung des Higgs-Teilchens im Jahr 2012.

Aber auch im ganz normalen Forschungsbetrieb ist es oft nötig, ein Projekt mehrere Jahre hindurch zu verfolgen. Das gilt besonders für die Grundlagenforschung, bei der im Gegensatz zur angewandten Forschung schwer abschätzbar ist, wann man mit einem Ergebnis rechnen kann. Oder ob man überhaupt eines bekommen wird.

Angesichts dieser Tatsachen ist die Realität an den Universitäten ernüchternd. So gut wie alle jungen Wissenschafterinnen und Wissenschafter sind nur im Rahmen befristeter Verträge beschäftigt. Manchmal darf man zwei oder drei Jahre an einem Projekt forschen, manchmal nur sechs Monate. Die effektive Arbeitszeit ist noch geringer, denn will man Arbeitslosigkeit vermeiden, muss man rechtzeitig vor dem Ende des Projekts neue Anträge schreiben und Drittmittel einwerben. Das kostet Zeit, die in der Forschung viel besser angelegt wäre.

Eine deutsche Studie hat 2009 festgestellt, dass es genau die befristeten Arbeitsverträge sind, die Wissenschafter am meisten demotivieren. In anderen Ländern wissen befristete Forscher zumindest, dass sie nach einer gewissen Zeit gute Chancen auf eine dauerhafte Anstellung haben. Eine Studie von Reinhard Kreckel über "Karrieremodelle an Universitäten im internationalen Vergleich" kam 2012 zum Ergebnis, dass in Österreich nur 14 Prozent aller wissenschaftlichen Stellen für "Junior Staff" im akademischen Oberbau vorgesehen sind. Damit liegen wir deutlich vor Deutschland, wo die Quote nur zwei Prozent beträgt, aber weit abgeschlagen hinter den meisten anderen Ländern wie Frankreich mit 40, den USA mit 27 oder England mit 20 Prozent.

Gute wissenschaftliche Forschung braucht Zeit. Und es ist dringend notwendig, dass dem wissenschaftlichen Nachwuchs diese Zeit auch zur Verfügung gestellt wird. Wer immer nur von einem befristeten Vertrag zum nächsten hetzt, wird keine Spitzenforschung betreiben können.

Mehr von Florian Freistett er: htt p://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex

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