Brief aus Brüssel

Emily Walton | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

Man würde es von außen nicht vermuten, aber der abgewohnte Siebzigerjahre-Bau, in dem ich in Brüssel lebe, ist ein Haus der Zukunft. Im Mikrokosmos des EU-Bezirks bekommt man eine Ahnung, wohin sich das Leben in Europa wandeln könnte.

Es wird ziemlich sicher noch internationaler. Ein Blick auf unsere Postkästen ist ein Querschnitt Europas: Neben meinem englischen Namen Walton klebt Rodriquez, unsere spanischen Nachbarn. Über mir: Ein Herr Keskitalo und eine Frau O'Donell, unter mir Familie Pediconi. Und übers Haus verteilt multinational klingende Doppelnamen wie Schuster-Malcolm oder Bjorg-Tsagarki. Im Lift grüßt man auf Englisch - oder mit einem internationalen Lächeln.

Manchmal gibt es auch kein Lächeln. Dann, wenn die Kinder meiner direkten Nachbarn besonders laut sind. Sie sind halbe Spanier, halbe Belgier und leben das laut aus: Vor sieben Uhr verlassen sie die Wohnung mit einem lauten "Adios!", nachmittags kommen sie schnatternd in Begleitung eines englischsprachigen Kindermädchens nach Hause (und klingen dabei wie Londoner Privatschüler). Wenn die Eltern abends heimkehren, hört man ein lautes "Bonsoir" und französisches Geplapper.

Ich versuche, nicht zu unfreundlich zu sein. Man weiß ja nie, was aus diesen Kindern werden könnte. Und dass aus ihnen etwas wird, scheint programmiert: Sie wachsen bilingual auf, in einem multikulturellen Umfeld, gehen in eine internationale Schule. Schon ihre Eltern haben - das ist im EU-Arbeitsumfeld quasi Standard-Ausstattung - mehrere Studien abgeschlossen.

Die kleinen, lauten Belgo-Spanier (oder heißt es Ibero-Belgier?) werden - und auch das scheint zukunftsweisend - einmal viel Auslandserfahrung haben und einen Lebenslauf, der nur mit Müh und Not auf zwei Seiten passt.

Von klein auf erleben sie auch schon, was berufliche Flexibilität bedeutet: In unserem Wohnhaus herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, die meisten Nachbarn bleiben kürzer als drei Jahre. Diese Abwechslung erhält auch die Neugierde. Gestern standen die Nachbarskinder wieder einmal singend und suchend vor den Postkästen: Ist da etwa schon wieder ein neuer Name zu finden?

Was immer die Zukunft für mich und meine Nachbarskinder auch bringen wird, eines ist jetzt schon gewiss: Unser Haus wird nicht mehr lange ein Haus mit Zukunft sein - es soll in den nächsten Jahren abgerissen werden.

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