Gedicht

Erich Klein | aus HEUREKA 4/13 vom 16.10.2013

Das sechsbändige, in Form von daktylischen Hexametern verfasste Lehrgedicht "De rerum natura" -"Über die Natur der Dinge" des römischen Dichters und Philosophen Lukrez (eigentlich Titus Lucretius Carus, vermutlich 97-55 v. Chr.) blieb unvollendet und wurde als Handschrift von Cicero herausgegeben.

LUKREZ, DE RERUM NATURA

(...) Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende Helle scheuchen, sondern allein die Naturanschauung und Forschung. Sie muß füglich beginnen mit folgendem obersten Leitsatz: Nichts kann je aus dem Nichts entstehn durch göttliche Schöpfung. Denn nur darum beherrschet die Furcht die Sterblichen alle, Weil sie am Himmel und hier auf Erden gar vieles geschehen Sehen, von dem sie den Grund durchaus nicht zu fassen vermögen. Darum schreiben sie solches Geschehn wohl der göttlichen Macht zu. Haben wir also gesehen, daß nichts aus dem Nichts wird geschaffen, Dann wird richtiger auch die Folgerung draus sich ergeben, Woraus füglich ein jegliches Ding zu entstehen im Stand ist Und wie alles sich bildet auch ohne die Hilfe der Götter. Gäb' es Entstehung aus Nichts, dann könnt' aus allem ja alles Ohne weitres entstehen und nichts bedürfte des Samens. So könnt' erstlich der Mensch aus dem Meer auftauchen, der Fische Schuppiges Volk aus der Erde, die Vögel dem Himmel entfliegen, Herdengetier und anderes Vieh wie die wilden Geschöpfe Füllten beliebig entstanden das Fruchtland an wie das Ödland. Auch auf den Bäumen erwüchsen nicht immer dieselbigen Früchte, Sondern das änderte sich, kurz, alles erzeugte da alles. (...)

(Übersetzung: Hermann Diels)

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige