Einmal fehlerfreies Baby, bitte!

Die Angebote, Kinder schon vor der Geburt durchzuchecken, wachsen stetig. Welche Folgen hat dieser Trend?

VERENA AHNE | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Guter Hoffnung" zu sein, endete für Lea in der zwölften Schwangerschaftswoche. Dabei wollte sich die 39-Jährige nur per Combined Test die "Gesundheit" ihres Babys bestätigen lassen. Bei diesem derzeit gängigsten Check auf Chromosomenstörungen wie Down-Syndrom (DS) wird aus kindlicher Nackenfalte, zwei Blutwerten und dem Alter der Frau eine Wahrscheinlichkeit berechnet. In diesem Fall 1:8 für DS, ein sehr ungünstiger Wert.

Um "sicher zu gehen", schöpfte Lea bis zur Geburt das ganze Repertoire der Pränataldiagnostik aus - von Chorionzottenbiopsie über Organscreening, monatliche Ultraschalls (US) bis SpezialUS -, was ein halbes Dutzend teils dramatische Fehlalarme produzierte ("Kind nicht lebensfähig"), die durch Folgeuntersuchungen jeweils entkräftet wurden, Lea aber in Panik versetzten.

Über die Schattenseiten der Pränataldiagnostik (PND), die vor lauter Bemühen um Sicherheit oft Unsicherheit erzeugt, wird in Österreich kaum debattiert. Es gibt zwar eine Beratung, doch die wenigsten Schwangeren möchten sich schon vorher genauer darüber Gedanken machen, dass ihr Befund unerfreulich ausfallen könnte. Dass die Beratungsqualität nicht durchgängig hoch sein kann, zeigen auch Hunderte Anfragen in einschlägigen Foren: Sie zeugen von der Blauäugigkeit, mit der in die PND hineingegangen wird, von Ahnungslosigkeit, falscher oder tendenziöser ärztlicher Information, von Verunsicherung und dem Gefühl, mit einem schlechten bis katastrophalen Ergebnis allein gelassen zu werden.

Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien und Mitglied der Bioethikkommission, sieht das kritisch. "Wir brauchen ganz dringend eine deutlich bessere Aufklärung im gesamten Feld der PND." Kompetent und unabhängig müsste Frauen - am besten schon vorher -vermittelt werden, was Befunde bedeuten und wie hoch die Fehlerquoten sind. "Selbst bei geschulten DiagnostikerInnen kann es zu Fehlbefunden kommen, das muss thematisiert werden."

In Linz eröffnete im Frühjahr die Diakonie eine Stelle für werdende Eltern nach der Diagnose "behindertes Kind". Die letzte Regierung hätte trotz Übereinkunft zur Verbesserung der Situation nichts getan. "Durch bessere Angebote auch der Behindertenbetreuung könnte viel Druck von werdenden Eltern genommen werden", wünscht sich der evangelische Theologe. Das zeigt etwa das Beispiel Holland, wo substanziell weniger Frauen auf DS testen lassen.

Neben der individuellen Ebene wäre aber auch gesamtgesellschaftlich ein Diskurs über die Implikationen von immer mehr pränatalen Untersuchungen nötig, wie ihn etwa Deutschland rege führt -in Österreich herrscht hierzu weitgehend Stillschweigen. Dabei dürfte allein die mögliche Gen-Sequenzierung künftig "Befunde" liefern, die die Leben-oder-Sterben-Frage bei DS (derzeit werden 90 Prozent aller "Downies" abgetrieben) weit in den Schatten stellen. Ethische Fragen türmen sich: Nach welchen Abweichungen soll künftig gesucht werden (dürfen)? Nur nach tödlichen Krankheiten (worunter das DS schon nicht mehr fiele)? Möglichen Anlagen welcher Krankheiten? Wo ziehen wir Grenzen? Wer zieht sie? Wer exekutiert sie?

Schon heute werden in China und Indien nach PND vermehrt Mädchen abgetrieben. Könnten es künftig Kinder mit Neigung zu Fettsucht oder Brustkrebs sein? Oft wird argumentiert, mehr Wissen über Veranlagungen könnte die Vorsorge verbessern. Doch wiegt das ein Leben in Sorge und Dauer-Medizinüberwachung auf? Und wie könnten wir ein -auch gefühltes -Recht auf Nichtwissen herstellen? Lea jedenfalls hätte das viel erspart: Ihr Sohn kam wider alle Prognosen pumperlg'sund zur Welt.

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