"Wollen Sie doppelt oder dreifach existieren?"

DIETER HÖNIG | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Franz M. Wuketits lehrt an der Uni Wien am Institut für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie der Biowissenschaften. Sein letztes Buch mit dem Titel "Zivilisation in der Sackgasse" ist Ende vergangenen Jahres erschienen.

Herr Wuketits, erst kürzlich ist es amerikanischen Forschern gelungen, menschliche Embryonen ausnormalen Körperzellen zu klonen. Ist hier eine ethische Schwelle überschritten?

Franz M. Wuketits: In diesem Bereich bewegt man sich auf einer ethischen Gratwanderung. Natürlich wird versucht, Eingriffe dieser Art mit dem Hinweis auf mögliche positive Entwicklungen zu rechtfertigen, aber die Frage bleibt, inwieweit sich negative Effekte dabei einstellen. Das Klonen von Menschen halte ich persönlich für gefährlichen Unsinn. Zum einen wissen wir überhaupt noch nicht, ob diese Kinder, die geklont zur Welt kommen, gesund werden, und zum anderen: Warum soll man Menschen klonen? Wollen Sie doppelt oder dreifach existieren?

Wer beurteilt aber, was Wissenschaft darf und was nicht?

Wuketits: In der Hauptsache müsste man dem Wissenschafter selbst diese Beurteilung überlassen dürfen, weil er ja die möglichen Konsequenzen seiner Arbeit doch am besten abschätzen sollte. Das aber bedeutet, dass jeder Wissenschafter moralische Aspekte in seiner Arbeit unbedingt berücksichtigen müsste.

Muss nicht auch die Gesellschaft ihren Teil an Verantwortung wahrnehmen?

Wuketits: Sicher, aber das ist ein Bildungsproblem. Man müsste voraussetzen dürfen, dass jeder Mensch genügend Kritikfähigkeit mitbringt und sich so weit informiert, dass er auch zu heiklen Fragen Stellung beziehen kann. Hier hätten die Schulen eine enorm wichtige Funktion. Aber was mit unserem Bildungssystem geschieht, sieht man ja. Statt wirklich umfassende Bildung zu fördern, wurde eine alberne Rechtschreibreform durchgesetzt, wird endlos über das Lehrerdienstrecht gestritten usw. Bildung selbst bleibt auf der Strecke.

Lassen sich Forschungsziele vorschreiben -oder gar verbieten?

Wuketits: Grundsätzlich ist die Wissenschaft frei. Aber sie darf natürlich nicht die Menschenrechte verletzen und sie darf nicht in Tierquälerei ausarten. Wissenschaft ist ein offenes System, man kann ja im Vorhinein nicht wissen, welche Ergebnisse bestimmte Forschungen ans Tageslicht befördern werden. Ein Forschungsergebnis vorzuschreiben, geht also schon einmal nicht mehr. Daher kann man auch nicht wissen, ob da etwas besser im Vorhinein schon verboten werden sollte.

Wie sollte eine funktionierende Ethik Ihrer Meinung nach aussehen?

Wuketits: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Ethik ist ja diejenige philosophische Disziplin, die sich mit moralischem und unmoralischem Handeln beschäftigt und hilft, Argumentationsformen für richtiges Handeln zu finden. Moralische Entscheidungen im Einzelnen jedoch sind viel konkreter -ich muss sie immer wieder aufs Neue treffen. Ethik liefert keine Kochrezepte! Man muss dazu auch bedenken, dass innerhalb der Ethik unterschiedliche Positionen vertreten werden. Descartes meinte, Ethik gelte nur für den Umgang von Menschen miteinander. Tiere setzte er mit Maschinen gleich.

Wie denken Sie über Tierversuche?

Wuketits: In der militärischen Industrie und in der Kosmetikindustrie etwa dürften Tierversuche meines Erachtens überhaupt nicht durchgeführt werden. In der Human-und Veterinärmedizin sollte immer überlegt werden, ob bestimmte Forschungen nicht auch ohne Tierversuche möglich sind. Aber soweit ich sehe, bemüht man sich bei aktuellen Forschungsvorhaben auch um Alternativen zu Tierversuchen.

Hinkt die Ethik der Forschung nicht immer hinterher?

Wuketits: Auf jeden Fall, neuerdings droht die Forschung den Forschern selbst wegzulaufen. Aber vielleicht hilft nach wie vor der kategorische Imperativ von Kant.

Wie meinen Sie das?

Wuketits: Auf den Toiletten in den ICE-Zügen der Deutschen Bundesbahnen findet man die Aufschrift: "Bitte verlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn gerne vorfinden möchten." Das wäre der kategorische Imperativ von Kant, angewandt auf die Toiletten der Deutschen Bundesbahnen.

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