"Empfehlungen werden nicht angenommen"

Der stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Bioethikkommission Markus Hengstschläger über Arbeit und Wirkung dieser Institution

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Markus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik und Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der Med-Uni Wien sowie der genetischen Abteilung des Wunschbaby Zentrums, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission.

Herr Hengstschläger, was ist eigentlich Bioethik? Wo fängt sie an, wo hört sie auf?

Markus Hengstschläger: Der Begriff Bioethik umspannt einen großen Bereich von Life Science bis hin zur Pflegewissenschaft - also alles, was den Lebensanfang und das Lebensende betrifft, auch den Datenschutz in diesem Bereich, Einwilligungserklärungen für Forschung, Biobanken etc.

Die Bioethikkommission wurde per Dekret im Juni 2001 ernannt -zur Beratung des Bundeskanzlers. Gab es einen Anlass?

Hengstschläger: In Deutschland gab es eine vergleichbare Kommission schon länger. Vielleicht war auch das der Anlass. Wir sind mit den deutschsprachigen Kommissionen gut vernetzt, es gibt regelmäßige Treffen. Ein konkreter Anlass ist mir aber nicht bekannt.

Laut Verordnung müssen Sie mindestens vierteljährlich tagen. Wie oft tagen Sie wirklich - und wie läuft so eine Sitzung ab?

Hengstschläger: Wir treffen uns öfter, ungefähr einmal im Monat. Die zusätzliche Arbeit in Untergruppen umfasst aber viel mehr Sitzungen. In den Untergruppen werden oft Texte zu spezifischen Fragestellungen mit juristischen, naturwissenschaftlichen, philosophischen und ethischen Teilen erarbeitet. In den großen Sitzungen mit allen Mitgliedern werden die Papiere der Untergruppen zusammengeführt und diskutiert. Ziel ist es, eine Empfehlung auszuarbeiten. Das sind meist umfangreiche und detaillierte Papiere, die auch auf unserer Homepage veröffentlicht werden. Es ist auch wichtig zu sagen, dass wir in unseren Empfehlungen immer die Pro-und Contra-Meinung veröffentlichen.

Werden die Empfehlungen angenommen?

Hengstschläger: Leider nicht. Idealerweise würde ein demokratischer Prozess so ablaufen: Zuerst gibt es eine Diskussion, alle bringen sich ein: die Kommission, die Bevölkerung, die Medien. Jeder kann sich eine Meinung bilden. Im nächsten Schritt muss die Politik das aufgreifen, der Mehrheit folgend. Leider findet aber die Übernahme von Empfehlungen durch die Politik eigentlich nicht statt.

Was haben Sie zuletzt empfohlen?

Hengstschläger: Wir haben zum Beispiel Empfehlungen zum Internetgentest oder zur Fortpflanzungsmedizin erarbeitet. Unsere Papiere beinhalten oft sehr konkrete Vorschläge für die Politik. Die Politik hat bis heute aber eigentlich nicht darauf reagiert. Ich finde das bedauerlich. Ich bin nämlich von der Arbeit der Kommission sehr begeistert, finde es sehr spannend, daran teilhaben zu können -und wir arbeiten ehrenamtlich!

Gibt es zuerst eine Diskussion, bevor die Kommission tagt, oder ist es die Kommission, die eine Diskussion zum Laufen bringt?

Hengstschläger: Beides. Die Kommission sollte aber nicht hinterherhinken, sondern begleiten. Die Mitglieder der Kommission sind als Wissenschafter auf dem aktuellsten Stand der Dinge. Wir präsentieren uns gegenseitig auch Neuentwicklungen aus unserer täglichen Praxis und sagen, dies oder jenes ist ein Thema. Das ist relativ unabhängig von den Medien, siehe etwa das Beispiel Gentests: Angelina Jolie ließ sich wegen eines mittels Gentest festgestellten sehr hohen Krebsrisikos die Brüste amputieren. Als der Fall bekannt wurde, stieg das Interesse an solchen Gentests. Als uns die Medien um Statements baten, konnten wir auf Papiere zurückgreifen, die wir schon lange vorher erstellt hatten.

Was war denn ein konkreter Anlassfall?

Hengstschläger: Etwa das Thema Fortpflanzungsmedizin: Eine Eizellenspende ist bei uns nicht erlaubt, eine Samenspende schon. Der europäische Gerichtshof sagte, das ist Diskriminierung. Also hat die Kommission eine Empfehlung erarbeitet. Die Mehrheit sprach sich dafür aus, zu empfehlen, die Eizellenspende in Österreich zu erlauben.

Erhalten Sie auch Anfragen aus der Bevölkerung?

Hengstschläger: Es gibt eine Geschäftsstelle, bei der sich jeder melden kann. Hin und wieder werden wir auch auf Fälle aufmerksam gemacht. Aber wir wenden uns auch umgekehrt an die Öffentlichkeit. Es gab von der Bioethikkommission organisierte Veranstaltungen mit viel Publikum und großem Interesse. Wir gehen in die Schulen, denn Ethikthemen sind auch Maturathemen. Und wir sind vertreten bei der Langen Nacht der Forschung. Die öffentliche Diskussion ist Teil unserer Arbeit.

Sie sind Genetiker. Die Genetik forscht daran, wie man die Konsequenzen molekularer Fehlsteuerungen in den Griff bekommen kann - etwa zur Heilung von Erbkrankheiten. Ist das nicht ein Widerspruch, einerseits zu forschen, andererseits in seiner Forschung durch eine Ethikkommission gebremst zu werden?

Hengstschläger: Im Gegenteil! Die Forscher sehnen sich nach klaren Regeln. Sie wollen nicht in einem Graubereich tätig sein. Ein Genetiker darf mit der Frage, ob er etwas macht oder nicht, nicht allein gelassen werden. Daher muss es eine Bioethikkommission geben. Der Druck kommt von den Forschern im Labor selbst. Die Bioethikkommission unterscheidet sich übrigens von den einzelnen Ethikkommissionen wie etwa jener der MedUniWien oder anderer Einrichtungen stark. Die anderen Kommissionen beurteilen und genehmigen kasuistisch spezifische eingereichte Forschungsvorhaben. Die Bioethikkommission hat die Aufgabe zu sagen: Da kommt etwas auf uns zu -sollen wir das als Staat Österreich befürworten oder nicht bzw. welche Regelungen sind notwendig?

Moraltheologen, Genetiker, Juristen -wie reden sie in der Kommission miteinander?

Hengstschläger: Es gibt Themen, bei denen wir Einstimmigkeit erreichen, und solche, wo wir weit davon entfernt sind. Ein Mediziner sieht das eine oder andere vielleicht anders als ein Theologe. Aber nachdem wir kein Exekutivorgan sind, ist das ja kein Problem.

Wer sind denn nun die Bösen? Einzelne Forscher, die Pharmaindustrie, die Frau, die mit 65 um jeden Preis Mutter werden will?

Hengstschläger: Wir haben keine Feindbilder. Es geht um die Frage, wie man einen Rahmen schafft. Es ist nicht jeder Weg recht, um ein Ziel zu erreichen. Man muss sich fragen, ob der gewählte Weg akzeptabel ist. Bei allen bioethischen Diskussionen kann es polarisierende Positionen geben. Ob eine 65-Jährige ein Kind will, ist eine Frage von Medizin, Recht, Soziologie etc. Man kann nun fragen: Wo ist das Problem? Einer sieht ein Problem, der andere nicht. Bei unseren Diskussionen geht es nicht unbedingt darum, immer einen gemeinsamen Nenner zu finden, sondern das Pro und Contra abzuwägen.

Was ist denn Ihre persönliche bioethische Horrorvorstellung? Frankenstein, oder der geklonte Mensch?

Hengstschläger: Das Klonen von Menschen ist kein Thema, es herrscht breiter, internationaler Konsens darüber, dass das abzulehnen ist. Mein persönlicher Horror ist die Vorstellung, dass die Transparenz, die man aus biologischen Daten über einen Menschen bekommen kann, zur Diskriminierung von Gruppen führen könnte. Davor müssen wir immer wieder warnen. Das beträfe auch die Behindertenintegration und die Frage, ab wann etwas als krank oder gesund bezeichnet wird. Meine Angst ist, dass das, was man zum Vorteil der Menschen nutzen kann, vielleicht von anderen anders eingesetzt werden könnte. Bei komplizierten Fällen, wenn es um Fragen geht wie: Was soll man alles genetisch testen dürfen? Kann man das noch nachschauen, darf man das noch?, bin ich für ganz klare Regeln. Aber das österreichische Gentechnikgesetz ist ohnehin streng und sehr gut.

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