Ethik in der Wissenschaft: Das Glossar

Das Crash-Test-Dummy ersetzte menschliche Leichen, Affen und Schweine auf dem Autositz

JOCHEN STADLER | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Affe im Weltall

Bevor der erste Mensch ins All flog, wurden zunächst Affen ausgebildet und in die Schwerelosigkeit befördert, wie zum Beispiel das Totenkopfäffchen Dordo mit einer amerikanischen Jupiter-Rakete, das wegen eines defekten Fallschirms bei der Landung im Ozean ertrank.

Atomtests

Versuche, die Amerikaner, Russen, Franzosen und andere Natiionen angestellt haben, um vor allem ihre Bomben zu testen und um zu demonstrieren, dass man welche hat. Sie machten damit Landstriche unbewohnbar und brachten Versuchstieren, Soldaten und unbeteiligten Menschen Krebs, Strahlenkrankheit, Fehlbildungen und Tod.

Bikini-Atoll

Dreiundzwanzig von US-amerikanischen Atomwaffenversuchen radioaktiv verseuchte Pazifikinseln, die im Jahr 2010 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurden und ihren Namen für einen Badeanzug hergeben mussten, weil ein französischer Modedesigner die Tests "bombig" fand.

Bioethik

Fach, in dem überlegt und diskutiert wird, welche Medikamentenstudien Ärzte machen dürfen, was Wissenschafter ihren Versuchstieren zumuten können, ob man die Gene von Pflanzen und Tieren verändern soll, und ob es vertretbar ist, Menschen zu klonen.

Bioethikkommission

Experten aus Recht, Ethik und Medizin tagen in Österreich beim Bundeskanzleramt zu heiklen Angelegenheiten wie Stammzellen aus Embryos, Nanotechnologie, Menschenklonen und Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen. Anschließend geben sie Empfehlungen für die Politiker (siehe Interview Seite 20).

Blindstudie

Versuch, bei dem die Teilnehmer nicht wissen, ob an ihnen tatsächlich experimentiert wird, oder ob sie nur in der Kontrollgruppe mitmachen. Bei einer einfachblinden Studie sind nur die Versuchsteilnehmer ahnungslos, bei einer doppelblinden auch die Wissenschafter und bei einer dreifachblinden sogar jene Person, welche die Daten auswertet.

Crashtest-Dummys

Ersetzen seit den Fünfzigerjahren zunehmend menschliche Leichen, Schweine und Affen, die man in Autositze geschnallt hat, um die Auswirkungen von Unfällen zu studieren und Autos sicherer zu machen.

Deklaration von Helsinki

Vom Weltärztebund 1964 aufgestellte ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen. Erfuhr seitdem mehrere Aktualisierungen.

Durchsetzungsproblem

Das Dilemma, wenn ethisch korrekte Prinzipien und Entscheidungen zwar oft glasklar sind, Eigeninteressen aber im Weg stehen, wenn eine Tat folgen soll.

Elfenbeinturm

Ort, an dem jene Wissenschafter versammelt sind, die sich nicht um die Folgen ihrer Erkenntnisse und Entwicklungen kümmern.

Ethik

Sammelt Bewertungskriterien, ob eine Tat gut oder böse ist, und versucht, allgemeingültige Werte und Normen zu definieren.

Ethikkommission

Erlaubt oder untersagt Versuche, die Mediziner an Menschen durchführen wollen, um neue Medikamente und Therapien zu entwickeln. In Österreich gibt es in jedem Bundesland mindestens eine.

Ethikunterricht

Soll Schülern helfen, über Weltanschauungen, Werte und Normen aufgeklärt nachzudenken und gegebenenfalls den Religionsunterricht ersetzen. In Österreich seit fünfzehn Jahren im Versuchsstadium.

Eugenik

Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Schnapsidee, dass sich schlechte Erbanlagen dominanter verbreiten als gute und die Menschen etwas dagegen tun sollten, indem sie etwa taube Menschen, Epileptiker und Alkoholiker zwangssterilisieren. Wurde auch von Churchill propagiert und wie so viel verrücktes Zeug von den Nazis auf die Spitze getrieben. Sie bescheinigten ganzen Bevölkerungsgruppen aus Staatsräson "erbliche Minderheit" und machten hunderttausende Menschen unfruchtbar.

Informierte Einwilligung

Bei klinischen Studien und anderen Versuchen mit Menschen müssen die Forscher die Teilnehmer zuerst über Risiken und Nebenwirkungen informieren. Erst dann gilt deren Einwilligung, die sie freilich jederzeit zurücknehmen können.

Laika

Russischer Straßenköter, der 1954 mit einer Sputnik-Rakete in die Erdumlaufbahn geschickt wurde. Die Hündin starb nach wenigen Stunden an Überhitzung. Laikas von Beginn an einkalkulierter Tod löste weltweit Bestürzung und Debatten aus.

Lebensbeginn

Ethisch heiß diskutierter Nullpunkt, bei dem die Uhr eines Menschen zu ticken beginnt. Reicht je nach Standpunkt vom Liebesakt über das Heimischmachen der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter, der Entstehung des zentralen Nervensystems, dem Zeitpunkt, an dem dieses Empfindungen ermöglicht, über die Geburt bis zu dem Datum, an dem ein Mensch für sich selbst sorgen kann.

Lebensende

Vor allem für jene interessant, die einem Leichnam Organe als Ersatzteile ausbauen wollen. In Österreich laut Gesetz, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert -dann ist nämlich eine Rückkehr ins Reich der Lebenden ausgeschlossen. Anders beim klinisch Toten, der wiederbelebt werden kann. Für Rechtsmediziner ist ein Körper erst dann tot, wenn er steif wie ein Brett ist und Totenflecken trägt.

Leichenfledderei

Nicht nur unter Antiquitätensammlern beliebt, sondern früher auch bei Forschern wie Leonardo da Vinci, der Leichen am Mailänder Friedhof ausgrub und daraufhin bei Nacht und Kerzenlicht Schädel zersägte und Häute abzog, um das Nervensystem und die Muskeln zu studieren.

Nürnberger Kodex

Nach den Nazi-Verbrechen im Namen der medizinischen Forschung stellte der amerikanische Militärgerichtshof 1947 diesen Kodex über zulässige medizinische Versuche auf. Darin steht unter anderem, dass Versuchspersonen ausdrücklich zustimmen müssen, nicht unter Druck gesetzt werden dürfen, jederzeit aussteigen können, und man Tod oder bleibende Schäden nur bei Selbstversuchen in Kauf nehmen darf.

Pflanzenethik

Auch Gewächse sollen sich selbstständig entfalten können, Eingriffe in ihr Erbgut verletzen ihre Integrität. Dies könnte trotzdem vertretbar sein, wenn sie dafür mit weniger Pestiziden besprüht werden oder Menschen mehr Gemüse brauchen, so Pflanzenethiker.

Placebo

Scheinmedikament, das wirkt, weil der Glaube nicht nur Berge versetzt, sondern auch Lahme zum Laufen bringt. In klinischen Studien bekommen manche Versuchspersonen das neue Medikament, andere ein Placebo. Aus ethischen Gründen allerdings nur dann, wenn es noch keine Standardtherapie als Vergleich gibt.

Scheuklappen

Schützen Pferde davor, im Straßenverkehr erschreckt zu werden und bewahren Wissenschafter davor, die Auswirkungen ihrer Erfindungen bedenken zu müssen.

Selbstversuch

Einzige Möglichkeit, am Menschen zu forschen, wenn Tod oder dauerhafte Schäden nicht ausgeschlossen sind. Damit wiesen Ärzte nach, dass Tripper und Krätze ansteckend sind, Helicobacter-Mikroben Magenentzündung verursachen und man Katheter über die Armvene in das Herz schieben kann -dafür gab es so manchen Nobelpreis. Der Versuch zu beweisen, dass man eine Knollenblätterpilzvergiftung überlebt, wenn man viele Karotten isst, scheiterte jedoch.

Tierversuch

Für die Forscher ein notwendiges Übel, um Medikamente nicht gleich bei Menschen testen zu müssen.

Verantwortungsbewusstsein

Fähigkeit, auf die innere Stimme zu hören, die davor warnt, anderen mit seinen Taten und Werken zu schaden.

Versuche an Menschen

Sollen wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Therapien und Medikamente bringen. Sie müssen in Österreich vorab von einer Ethikkommission begutachtet und erlaubt werden.

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