Ethik in der Wissenschaft

Ethiker hätt en in der Wissenschaft viel zu tun - nur, wie sollen sie eine wissenschaftliche Ethik ansetzen?

DIETER HÖNIG | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Nimmt die Wissenschaft den Satz, "sich die Erde untertan machen" zu wörtlich?

So wurde etwa Erwin Chargaff, der den Grundstein zur Gentechnologie legte, deren größter Skeptiker: "Sie pfuschen am Menschen herum, manipulieren an den Genen -ein molekulares Auschwitz droht. Auch ein Genie kann nicht mehr gutmachen, was ein Trottel angerichtet hat."

Starrsinn eines greisen Mannes oder weise Voraussicht? Tatsächlich findet in der Wissenschaft zunehmend ein Nachdenkprozess statt. Er betrifft etwa die Vermeidung unnötigen Tierleides bei Experimenten aus rein ökonomischen Motiven wie auch den ehrlicheren Umgang mit humanen embryonalen Stammzellen. Auch ist die zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft vielen Wissenschaftern ein Dorn im Auge.

Wir klonen, wir klonen! Wird Frankensteins Traum wahr?

Im Sommer dieses Jahres sorgte eine Meldung in den Medien für einige Irritation: "Der Mensch kann geklont werden!" Amerikanischen Forschern war es erstmals gelungen, Embryonen aus menschlichen Hautzellen zu erzeugen.

Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University in Portland und seinen Kollegen ist damit geglückt, worum sich Forscher seit etwa sechzehn Jahren weltweit vergeblich bemühten. Mitalipov und sein Team nahmen den Zellkern einer menschlichen Zelle, verfrachteten ihn in eine Eizelle, deren Zellkern sie entfernt hatten, und brachten diese dazu, sich zu teilen und einen Embryo zu bilden. Sie ließen die Embryos allerdings nicht lange wachsen. Nach einigen Zellteilungen zerstörten sie diese, um daraus Stammzellen zu gewinnen, denn einzig um diese ging es. Kritiker des Experiments befürchteten, dass man die Embryos weiter wachsen lassen könnte, um sie später Frauen einzupflanzen. "Im Prinzip könnte man jetzt Menschen klonen", bestätigt auch Rudolf Jänisch, der am Whitehead-Institut in Boston an Stammzellen forscht.

Der Vorstand des Instituts für Genetik an der MedUniWien, Markus Hengstschläger, meint dazu: "Es handelt sich bei diesem Experiment um die Herstellung von Stammzellen und nicht eines Lebewesens. Geklonte Stammzellen haben das Genom eines bereits existierenden Lebewesens."

Die Idee dahinter: Stammzellen, so sie eines Tages für die Therapie eingesetzt werden, können nicht abgestoßen werden, weil sie vom Empfänger selbst stammen.

Das Klonen eines Menschen ist für Hengstschläger aus biologischen wie ethischen Gründen abzulehnen. Hier bestehe international breiter Konsens. Dieser Meinung schließt sich auch Franz. M. Wuketits, Professor für Philosophie und Biologie an der Uni Wien, an. Wuketits hält den Menschenklon für gefährlichen Unsinn, da man gar nicht wissen könne, ob Kinder, die quasi reproduziert werden, auch gesund sind.

Alles verfügbar: der Mensch als Ersatzteillager?

Auch die gefürchtete Horrorvision "Der Mensch als Ersatzteillager" steht laut Hengstschläger nicht zur Diskussion. Stammzellen für Therapien einzusetzen, sei längst gängige Praxis, so für Leukämie-Therapien. In Zukunft werde man hoffentlich immer öfter Stammzellen zur Regeneration funktionsgeschädigter Organe verwenden können. Handelt es sich dabei um adulte Stammzellen (Stammzellen des erwachsenen Organismus), wäre das auch aus ethischen Gründen sehr zu befürworten.

Und bei embryonalen Stammzellen? Derzeit betreibt die Wissenschaft an humanen embryonalen Stammzellen Grundlagenforschung. Jedes Land regelt diese auf seine Weise. "In Bezug auf ethische Fragestellungen hat die Europäische Union wesentlich weniger Mut zum Eingriff als etwa bei Glühbirnen, zumal europäisches Forschungsgeld auch für embryonale Stammzellenforschung eingesetzt wird", sagt die Vorsitzende der Bioethikkommission, Christiane Druml.

Peter Kampits, Vorsitzender des Beirats für Bio-und Medizinethik, findet es geradezu absurd, dass österreichische Forscher, so sie embryonale Stammzellen benötigen, diese aus dem Ausland beschaffen müssen. Wenn die Ergebnisse der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen der österreichischen Bevölkerung zugute kommen sollen, sei es notwendig, dass sich auch Österreich an solchen Projekten beteilige.

Wer von Forschung profitieren will, muss sich beteiligen

Im Bereich der Humanforschung stellt sich ein weiteres Dilemma dar: Begleitende Qualitätssicherung und medizinischer Fortschritt lassen sich nur dann auf höchstem Niveau realisieren, wenn von mindestens 90 Prozent der Patienten Langzeitergebnisse verfügbar sind.

Datenschutzüberlegungen aus ethischen Motiven sind in diesem Zusammenhang nicht gerade förderlich. "Leider herrscht in Österreich vielerorts noch ein völlig falsches Verständnis von Wissenschaft. Der Datenschutz darf nicht als Vorwand dienen, die Forschung zu blockieren", kritisiert Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Chirurgie am AKH Wien, die aktuelle Situation. "Jemand, der zu Recht von der besten medizinischen Behandlung profitieren möchte, sollte auch fairerweise etwas zum weiteren Fortschritt der Forschung beitragen, indem er zum Beispiel der Auswertung seiner Krankheitsdaten zustimmt. Seriöse Forschung darf und kann keine Einbahnstraße sein."

Das Wissen als Basis für wissenschaftliche Ethik fehlt

Ob gesunde Lebensmittel oder der Umgang mit Embryonen und Stammzellen - hierzulande werden ethisch heikle Fragen, wenn überhaupt, in unterschiedlichen Gesetzen geregelt oder an einzelne Ethikkommissionen delegiert. Deren Entscheidungen fallen aufgrund individueller Sichtweisen sehr unterschiedlich aus und hinterlassen Verwirrung statt Rechtssicherheit. In Österreich steht die Beratung über ein eigenes Forschungsgesetz auf der Tagesordnung der Bioethikkommission. Ob es je zur Realisierung kommen wird, darüber zeigt sich nicht nur Ethikbeiratsvorsitzender Peter Kampits skeptisch.

"Ethik kommt in den Wissenschaften immer dort in Betracht, wo es darum geht, sich einzugestehen, dass die Wissenschaften, wie Gaston Bachelard bemerkte, keineswegs Fakten erkennen, sondern vielmehr Effekte produzieren. Es wird nicht so sehr gewusst, sondern vielmehr konstruiert", sagt Robert Pfaller, Philosoph an der Universität für Angewandte Kunst. Darum gebe es hier auch kein gesichertes, abrufbares Wissen, auf das man sich, zum Beispiel in Ethikkommissionen, stützen könne.

Den gegenteiligen Schein zu erwecken, hält der Philosoph Robert Pfaller für eine weit verbreitete, unethische Täuschung im aktuellen Wissenschaftsgeschäft. "Und daraus folgt auch, dass es in der wissenschaftlichen Praxis sehr viel Ungewisses, Unvorhersehbares, notwendig Offenes gibt und dass, wie Spinoza formulierte, die Idee immer lange vor der Idee der Idee kommt."

So zu tun, als könne man Erkenntnis vorhersagen oder sie anhand von bloßen Berichten evaluieren, hält Pfaller für eine der aktuellen fundamentalen Täuschungen. Sie werde von Wissenschaftsbürokraten zu deren eigenem Vorteil aufrechterhalten. "Diese produzieren, unter dem Vorwand der Erhöhung von Transparenz und Nachvollziehbarkeit, das genaue Gegenteil: eine Anhäufung undurchdringlicher Berge von nichtssagender Dokumentation. Eine ethische Haltung in den Wissenschaften einnehmen heißt, der bürokratischen Täuschung zu widerstehen und deren Implementierung politisch zu bekämpfen."

Wirksame Kontrolle statt Beten und Schwören

Im Wissenschaftsbetrieb sieht man sich genötigt, gegen eine zunehmende Ökonomisierung vorgehen zu müssen: Plagiate bei Doktorarbeiten sowie etliche professionelle Unternehmen, die zahlungsfähigen Promotionskandidaten Hilfestellungen bei der Literaturrecherche und auch Ghostwriting anbieten, sind in Österreich und sehr viel mehr noch in Deutschland keine Seltenheit. Glaubt man in Deutschland mit Eid-Ablegungen und neuen Strafgesetzen wie etwa "Wissenschaftsbetrug" dem Schwindel Herr zu werden, gibt man sich in Österreich pragmatischer. Der Philosoph Herbert Hrachovec ist überzeugt, dass man Schwindler nie ganz verhindern, aber die Vorkehrungen gegen Wissenschaftsbetrug verstärken kann: "Das gelingt aber nicht mit moralischen Appellen, sondern durch gut organisierte Maßnahmen zum Selbstschutz der Wissenschaften. So wie es wenig Sinn macht, Banker ethisch zu erziehen, der Bank nicht zu schaden. Kontrolle hätte die Bankencrashs verhindert, nicht aber Gebete und Eide."

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernard Kempten, räumt ein, dass die äußeren Rahmenbedingungen im Wissenschaftsbetrieb, gerade bei jungen Wissenschaftern, ein unethisches Verhalten begünstigen.

"Häufig ist der Wettbewerbsdruck von außen sehr groß. Das ständige Drängen auf eine Erhöhung von Drittmittelquote und die persönliche Bezahlung nach Parametern wie eben Drittmittel-Akquise, Promotionen und Veröffentlichungen ist wissenschaftsinadäquat."

Wissenschaft darf sich nicht der Ökonomie beugen

Dies sieht der Philosoph Franz W. Wuketits ähnlich: "Der Wissenschafter, der heute in der empirischen Forschung steht, ist gezwungen, möglichst viele Daten zu liefern und in möglichst kurzer Zeit Projekte abzuschließen. Die kosten Geld, das er womöglich auch noch selbst akquirieren soll, wie etwa die Beantragung von Drittmitteln."

Der junge Wissenschafter sei oft einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt, denn er muss -auf Teufel komm' raus -Ergebnisse vorweisen. Zusätzlich muss er sich allerlei -oft nicht nachvollziehbaren -Rankings und Evaluierungen unterziehen und Punkte sammeln wie ein Schulkind, um dann irgendwie gut da zu stehen. Darunter leidet natürlich das Niveau in vielen Forschungsbereichen.

Wuketits: "Wissenschaft darf sich nicht dem ökonomischen Terror beugen. Sie ist ein offenes System, und je freier sich der Einzelne darin bewegen kann, desto geringer ist die Gefahr von Plagiaten, Datenfälschungen und ähnlichem."

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