Haidingers Hort der Wissenschaft

Ethos im Ausschuss

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Das Ethos ist -nach seiner griechischen Wortbedeutung als "Sitte" und "Brauch" - wie das (vermeintliche) Wissen vor allem eine Angewohnheit. So wie die Moral, frei nach Karl Kraus, einmal ein Vorurteil der höheren Stände war. Und mangelnde ethische Haltung in der Wissenschaft wird oft mit schlechtem Benehmen gegenüber der Nicht-Wissenschaft verwechselt.

Wenn etwa die Biochemikerin Renée Schroeder, Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories in Wien, Religion, und hier im Speziellen die christliche, über irgendwelche für sie freigeschalteten TV-Mikrofone als "Bullshit" bezeichnet, erweist sie sich damit als ungehobelt und -pardon -nicht gerade von erhelltem Verständnis für die Weichteile europäischer Aufklärung. Die fordert nämlich die Achtung vor der Überzeugung und den Gefühlen anderer.

Aber mit Ethos im philosophischen Sinn hat das wenig zu tun, weil es bei der Ethik in Wahrheit um die Förderung des Lebens geht, und nicht um schlechte Kinderstube. Weshalb Frau Schroeder, die bei ersterem sicher mitgeht, auch ohne Probleme eine Zeit lang den ihr zugewiesenen Stuhl in der heimischen Bioethikkommission einnehmen konnte. Hier hat sie wenigstens nach meiner Erinnerung keine Andersdenkenden herabgewürdigt.

Es wimmelt(e) in der Kommission nur so von Reproduktionsmedizinern und Genetikern, deren Welt nichts mit den patrologischen Schriften von Kirchenvätern oder den Betstuben alter Kirchenmäuse gemeinsam hat. Einige der (Ex-)Kommissare, wie die hochgeschätzten Stars der Scientific Community Johannes Huber und Markus Hengstschläger, werden obendrein der "katholischen Seite" zugerechnet -was immer die auch sein mag. Meistens verstehen ja ausschließlich deren Gegner, diese zu definieren, und denen überlasse ich das dann getrost - mit ähnlichem Interesse wie an einem alten Knochen.

Zum Hundefraß verkommt auch zusehends der Umgang mit allen "ethischen" Kategorien, die in der außerwissenschaftlichen Welt als "Werte" bekannt sind.

Womit die p.t. Freunde der Alltagsphilanthropie jener neuen Partei, deren größter lebender Philosoph das Wort zwar dauernd im Munde führt, indes im Deutschen nicht einmal korrekt artikulieren kann, und zugleich der von seiner Partei als Wilderin abgespaltenen wildesten aller Abgeordneten im österreichischen Nationalrat viel Spaß beim Benagen dieses Knochens wünschen mögen. Das Ethos im kommenden Wissenschafts-"Ausschuss" des Parlaments könnte jedenfalls von ungeahnter Größe sein.

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