Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Die Europa-Wahl ist zwar erst im Mai, doch in Brüssel ist das Thema schon allgegenwärtig: Eine Info-Kampagne schmückt das Parlament am Place du Luxembourg. Niemand kann mehr am Glaspalast vorbei, ohne den Slogan "Act.React.Impact." zu lesen - was immer das heißen mag.

Werbung lässt sich ja schnell aus dem Kopf verdrängen, im EU-Bezirk scheint es jedoch im Moment kein anderes Gesprächsthema als die Wahlen zu geben.

Kern der hitzigen Diskussionen bilden die Spekulationen zum Brüsseler Job-Roulette: Wird es dieser oder jener Abgeordnete wieder schaffen? Wer führt statt Barroso die nächste Kommission? Wer folgt Van Rompuy als Ratspräsident nach? Bis zum Ersatz für die Außenbeauftragte Ashton kommt das Gespräch fast nie.

Hat man dann am Bistro-oder Brasserietisch alle Top-Jobs vergeben, folgt meist eine kurze Stille - und dann der ernsthaftere Teil des Postenkarussells: "Und, was ist mit dir? Hast du einen Plan B?"

Mit der Wahl laufen auch die Fünfjahresverträge der Tausenden parlamentarischen Mitarbeiter aus. Gewiss, manche können ziemlich sicher sein, dass "ihr" Mandatar wieder gewählt wird. Andere haben eine Zusage, mit "ihrer" Abgeordneten zurück in die nationale Politik zu gehen, wenn sie abgewählt wird. Doch bei den meisten ist alles offen.

Anders als in Österreich, wo die Assistenten oft mit ihren Chefs gemeinsam die Karriereleiter erklimmen und fast immer einen direkten Bezug zur Partei haben, gibt es in Brüssel viele parteifreie Mitarbeiter, die per Ausschreibung gefunden wurden. Wie für einen "normalen" Job eben.

Und während in Österreich oft Chef und Team gemeinsam von der lokalen in die nationale Politik, sprich: nach Wien wechseln, trifft sich das Team in Brüssel oft erst im EU-Parlament. Dass österreichische Abgeordnete Mitarbeiter aus Deutschland, Polen oder Schweden beschäftigten, ist üblich. Das heißt aber auch: Wenn der Chef nach Österreich geht, bleiben sie allein in Brüssel zurück.

Vor der Wahl wird schon an Plan B, C und D gearbeitet, noch schnell für Zusatzqualifikationen oder Einstellungstests auf höherer Ebene gebüffelt. In einem halben Jahr wird Brüssel dann für kurze Zeit zur größten Jobund High-Potential-Börse Europas. Und wenig später, wenn die Entscheidungen gefallen und die Posten vergeben sind, zum riesigen Wohnungs-, Möbel-,Bücher-und Auto-Basar. Ganz angenehm eigentlich, dass nur alle fünf Jahre gewählt wird.

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