Was am Ende bleibt

Naturtheologie

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Die Menschheit werde "in den Wüsten des Mondes im Staub versinken in den Bleidämpfen des Merkurs verkochen sich in den Ölpfützen der Venus auflösen". Der Schlussmonolog von Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" entsprach mit seiner Beschwörung des Weltuntergangs ganz dem Geist der 1950/60er Jahre.

Dürrenmatts zentrale Frage lautete: "Sind wissenschaftliche Erkenntnisse noch einmal aus der Welt zu schaffen und zurück zu nehmen, wenn deren katastrophale Auswirkungen ganz augenscheinlich sind?" Allerdings war die Metapher des "Augenscheinlichen" in Bezug auf den Atomblitz von Hiroshima und Nagasaki an ihre Grenze gelangt -um dem Aberwitz der Weltlage zu entsprechen, war der Schauplatz des Stückes ein Irrenhaus.

"Der Inhalt der Physik", diskutierten da Parodien auf Newton, Einstein und Co., "geht zwar die Physiker an, die Auswirkungen aber alle Menschen". Dürrenmatts bis heute gültige Hauptthese: "Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern."

Die seinerzeitige Annahme, dass eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht sei, "wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat", rief unzählige Warner hervor -von Günther Anders' "Thesen zum Atomzeitalter" bis zum "Prinzip Verantwortung" des Hans Jonas, der am Ende des Kalten Krieges eine kollektivistische Ethik der "technologischen Zivilisation" beschrieb. In der Realgeschichte hatten sich die Befürworter eines "Gleichgewichts des Schreckens" zur praktischen Verhinderung eines Atomkrieges durchgesetzt. Doch von einem "Atomzeitalter" als positiver Utopie wagt nicht einmal mehr der zynischste Pragmatiker zu sprechen.

Bemerkenswert ist, dass Umweltschutz und Ökologie erst nach dem Ende des Kalten Krieges ihr ganzes ideologisches Potenzial freizusetzen vermochten. Der französische Soziologe Bruno Latour, einer der einflussreichsten Denker der Gegenwart, erklärt den Umstand folgendermaßen: "Die Menschheit wurde aus der Utopie der Ökonomie vertrieben und scheint nun auf der Suche nach einer Utopie der Ökologie zu sein."

Die beste Illustration seiner Umwelt-Netz-Theorie, in der Menschen, Dinge, Tiere und Pflanzen gleichberechtige Akteure sein sollen, sei das SF-Epos "Avatar". Natur-Theologie - ein Fantasy-Paradox? Als reichte nicht ohnehin das Gestrüpp an Institutionen mit allem, was den Namen Umwelt trägt!

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