Freistetters Freibrief

Abzocke -aus!

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 5/13 vom 06.11.2013

Stellen Sie sich vor, sie besitzen eine Firma, haben viele Angestellte und bezahlen sie für eine bestimmte Arbeit. Was würden Sie davon halten, wenn Sie die Ergebnisse dieser Arbeit nicht sehen dürfen, ohne ein zweites Mal dafür zu bezahlen? Sie würden vermutlich denken, dass es sich dabei um eine absurde Abzocke handelt.

In der Wissenschaft zahlt man tatsächlich zwei-oder gar dreimal für die gleiche Leistung. Die Steuerzahler finanzieren die staatlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen und ihre Wissenschafter. Wenn sie deren Ergebnisse sehen wollen, müssen sie in den meisten Fällen noch ein zweites Mal bezahlen. Denn sehr viele Fachartikel kann man nur in kostenpflichtigen Zeitschriften nachlesen.

Die Situation ist absurd. Die Wissenschafter werden vom Staat für ihre Arbeit bezahlt. Diese Arbeit muss dann natürlich veröffentlicht werden und das geschieht in speziellen Fachzeitschriften. Im Gegensatz zu normalen Zeitungen werden die Autoren hier für ihre Beiträge nicht bezahlt, ganz im Gegenteil: Oft müssen die Wissenschafter den Zeitschriftenverlag bezahlen, um publizieren zu können, obwohl auch die wissenschaftlichen Gutachter, die die Beiträge vor der Veröffentlichung prüfen, kostenlos arbeiten. Und will man die Artikel später irgendwann einmal nachlesen, darf man ein drittes Mal bezahlen.

Der Staat muss also nicht nur die wissenschaftliche Arbeit finanzieren, sondern sich danach die Ergebnisse dieser Arbeit von den Verlagen wieder zurückkaufen. Das ist nicht nur teuer, sondern auch absurd. Öffentlich finanzierte Forschung sollte auch für alle Menschen öffentlich zugänglich sein. Die Europäische Union hat genau das nun ab 2014 zur Pflicht gemacht.

Wer Fördergelder aus dem "Horizon-2020"-Programm bezieht, muss die Ergebnisse seiner Forschung frei zugänglich machen. Wie das geschieht, ist den Forschern freigestellt. Sie können ihre Arbeiten ganz normal publizieren und parallel dazu bei einer öffentlich zugänglichen Datenbank einstellen. Oder sie publizieren in speziellen "Open-Access"-Verlagen. Das sei "ein Mechanismus, um den Einfluss von mit Steuergeldern geförderter Forschung zu erhöhen" meint die EU-Kommission. Und egal, was man sonst von der EU halten mag -damit hat sie vollkommen recht.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simplex

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