Raus aus der Bewertungshierarchie

Wie soll man in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Qualität der Forschung messen?

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Ist von Exzellenz in der Wissenschaft die Rede, denken viele fast ausschließlich an die sogenannten MINT-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wie lassen sich aber außergewöhnliche Leistungen in den Geistes-und Sozialwissenschaften messen?

Laut Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist die Messung von Exzellenz generell ein ungelöstes Problem. Sie hat das auch in der Arbeitsgruppe des Österreichischen Wissenschaftsrates zur "Messung und Bewertung von Forschungsleistung" referiert und diskutiert. Eine Schwierigkeit dabei sei die Schwammigkeit des Begriffs, der einst mit "Qualität der Forschung" übersetzt wurde. "Wir haben einen regelrechten Exzellenzhype." Auch Qualität sei schwierig zu messen, Indikatoren allenfalls "Hilfskonstruktionen". Was bedeutet das für die Qualitätsmessung in den Geistes- und Sozialwissenschaften? Kriterien wie die Anzahl von Artikeln in Refereed Journals griffen hier zu kurz, meint Simon, da Geistes- und Sozialwissenschafter mehr als die Naturwissenschafter in Monografien und Sammelbänden veröffentlichen. "Diese sind nicht so international ausgerichtet und meist auch nicht auf Englisch." Ein weiterer erschwerender Faktor: Die Forscher arbeiten seltener in internationalen Netzwerken. "So betreiben beispielsweise Historiker oft Einzelforschung", erläutert Simon.

Vor diesem Hintergrund wollten sich deutsche Historiker nicht in eine durch Rankings aufgebaute "Bewertungshierarchie" einpassen lassen - und stiegen aus dem Forschungsrating des Deutschen Wissenschaftsrates aus. Dagmar Simon findet es erfreulich, wenn dadurch Diskussionen in Gang kommen. Gerade die Nebenwirkungen von Ratings seien das Interessante, weil sie die Disziplinen auf den Weg bringen, sich selbst zu hinterfragen. Außerdem tragen Debatten dazu bei, sich anzusehen, wie sich das Verhältnis der Disziplinen zu gesellschaftlichen Fragen gestaltet.

Aber wie misst man nun die Qualität der Geistes-und Sozialwissenschaften?

"Müssen wir sie messen?", fragt die Evaluationsforscherin. "Man kann in bestimmten Abständen schauen, ob und wie wissenschaftliche Einrichtungen ihr Forschungsprogramm bearbeitet und ob sie zu einer Diskussion beigetragen haben oder neue Theoriekonzepte erstellen." Ein gutes Messinstrument seien Peer-review-Verfahren: "Berichte, die externe Gutachter schreiben, gehen über Zahlen hinaus. Peer-review steht für gute Forschung." Parallel dazu kann man auch Kennzahlen wie Publikationen, Kooperationen, die Teilnahme an Konferenzen oder die Nachwuchsförderung erheben. "Das sind durchaus messbare Fakten", sagt Simon. "Man soll aber schauen, dass man das möglichst breit streut und nicht auf einige wenige Kennzahlen reduziert."

Und wie sieht es mit Drittmitteleinwerbung aus?"Das ist zurzeit die Parole, aber das kann sich fatal auswirken: Man ist ständig in Zeitnot und auf der Jagd nach neuen Mitteln, denn alles wird immer kurzfristiger und kleinteiliger. Das schränkt auch die Unabhängigkeit ein."

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