Hat unsere Forschung Exzellenzpotenzial?

Star-Prinzip oder Teamarbeit? Wie lässt sich das Potenzial an exzellenter Wissenschaft an unseren Bildungseinrichtungen fördern?

Sonja Burger | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Viele wollen sie erreichen. Einige scheinen sie zu brauchen. Und nicht wenige wollen wissen, welche Hebel betätigt werden müssen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen: Die Rede ist von Exzellenz in der Forschung.

Hier Exzellenz, dort Nicht-Exzellenz: Wer so denkt, ist alt

In Wahrheit lauern schon bei der Beurteilung von Exzellenz die ersten Fallgruben. Eine gängige Falle ist das Schwarz-Weiß-Denken: Hier Exzellenz, dort Nicht-Exzellenz.

Wer so denkt, sei laut Andre Gingrich, dem Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, "einem völlig veralteten Wissenschaftsbild treu geblieben".

Heutzutage werden einige Stars medial hochgejubelt, während die Masse an Forschern oft zusehen müsse, wo sie bleibt. Dies sei in erster Linie ein österreichisches Problem, hebt Gingrich hervor. Der Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien ließ in seiner eigenen Karriere kaum eine Station aus und nahm über die Jahre verschiedene Perspektiven ein.

Hierzulande müsse man seiner Ansicht nach von der Bipolarität "Exzellenz - Nicht-Exzellenz" wegkommen und mit Beurteilungskriterien, speziell wenn es um die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften geht, kritischer umgehen.

Der Europäische Forschungsrat (ERC) habe dieses Problem besser gelöst und seiner Erfahrung nach für diese Wissenschaftsbereiche gute Beurteilungsmaßstäbe für Exzellenz entwickelt.

Wie lässt sich Exzellenzpotenzial messen? Beispiel ETI Budapest

Damit sind aber längst nicht alle Probleme aus der Welt geschafft. Zwar wurden auf europäischer wie österreichischer Ebene mehr oder weniger geeignete Beurteilungskriterien für Exzellenz etabliert. Doch wie lässt sich das Exzellenzpotenzial an einer Institution messen?

Von dieser Frage war auch die Einrichtung des Europäischen Innovations-und Technologieinstituts (ETI) mit Sitz in Budapest begleitet. Speziell der EU-Ausschuss der Regionen empfahl, nicht nur die Spitzenleistungen, sondern auch das dafür nachgewiesene Potenzial unter den Forschenden zu berücksichtigen. Er forderte die EU-Kommission auf, anzugeben, wie diese Kriterien gemessen werden sollen.

Mittlerweile verfolgt ETI u.a. das Ziel, ein eigenes "Label" zu entwickeln, um Exzellenz besser sichtbar und letztlich vermarktbar zu machen. Bei seinen Wissensund Innovationsgemeinschaften stehen Teamarbeit und das Denken in Netzwerkstrukturen zur Förderung von Exzellenz im Vordergrund.

Denn nach wie vor wird die Bedeutung von Teamarbeit für den Erkenntnisgewinn wenig beachtet. "Dabei lassen sich gerade durch Kooperation Dinge herausfinden, auf die man als Einzelforscher nicht gestoßen wäre", sagt Gingrich.

Ist Teamarbeit um Exzellenz in der Forschung erreichbar?

Gingrich fallen gleich zwei heimische ERC-Preisträgerinnen ein, die eine neue Art pflegen, mit Teamarbeit umzugehen -und die dies auch nach außen tragen.

Doch nicht jeder stimmt in den Lobgesang auf die Teamarbeit ein. Zumindest nicht ohne darauf hinzuweisen, dass auch Einzelforscher über Exzellenzpotenzial verfügen können, wie die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts, Sabine Ladstätter, sagt.

Damit sich Exzellenzpotenzial entfalten kann, sind für die Archäologin und Leiterin der Grabung Ephesos ein förderliches Umfeld und individuelle Karrieremöglichkeiten entscheidend.

An ihrem Institut schaffe sie für Frauen wie Männer gute Voraussetzungen, um Familie und Forschung vereinbaren zu können. Darüber hinaus spielt Langfristigkeit in der Archäologie eine große Rolle. Kurzfristig angelegte Förderstrategien seien eher kontraproduktiv.

"Bei uns hat das zur Folge, dass vieles nicht zu Ende gedacht werden kann", bedauert Ladstätter.

Das Österreichische Archäologische Institut, 1898 gegründet, ist heute eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung des Wissenschaftsministeriums. Trotz teils mangelnder Flexibilität betrachtet es die Direktorin als ihre Aufgabe, jene zu fördern, die durchschnittlich bis überdurchschnittlich gut arbeiten. "Dort steckt viel Potenzial. Wer mehr Exzellenz hervorbringen will, muss die Stufe darunter stärker fördern. Darauf wird häufig vergessen", sagt die Forscherin.

Welche heimischen Förderprogramme sind nötig?

Wer bzw. welche Disziplinen in puncto Exzellenz gefördert werden sollen, ist eine komplexe Angelegenheit - und umstritten. Jubelt der eine, rauft sich der andere die Haare. Was Gingrich bislang vermisst, ist eine ernsthafte Diskussion darüber, welche Bereiche anhand welcher sinnhaften Kriterien gefördert werden sollen.

Als einer der heimischen Wittgenstein-Preisträger weiß er, wie viel dieses Exzellenzprogramm des FWF bringt.

Dennoch komme man aus seiner Sicht nicht umhin, manche Exzellenzprogramme des Forschungsförderungsfonds FWF, etwa das START-oder Lise-Meitner-Programm, auf Aktualität und Doppelgleisigkeit mit EU-Programmen zu durchforsten. "Beim START-Programm weiß ich nicht, warum ein sehr gut funktionierender ERC Starting Grant durch heimische Programme noch einmal finanziert wird", kritisiert Andre Gingrich.

Was behindert die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Österreich?

Was die Geistes-, Sozial-und Kulturwissenschaften und ihr Potenzial insgesamt betrifft, sind die Ansichten durchwachsen. Dass es eigene Beurteilungskriterien braucht, darin stimmt auch Heinrich Schmidinger, Rektor der Universität Salzburg und Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz mit Gingrich überein.

"In jenen Teilbereichen, wo es verfehlt ist, weiterhin exklusiv auf Exzellenz aus der Grundlagenforschung zu hoffen, sollte man für den angewandten Bereich aufgeschlossen sein", empfiehlt Gingrich und verweist umgekehrt auf die Notwendigkeit, dass sich die Forschungsförderungsgesellschaft FFG für die Geistes-, Sozial-und Kulturwissenschaften öffnet.

Dass sich diese Offenheit für Natur-und Technikwissenschaften durchaus rechnen kann, weiß Sabine Ladstätter aus ihrer Erfahrung mit der Grabungsstätte Ephesos. Die Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit stecke zu ihrem Bedauern allerdings noch in den Kinderschuhen, wodurch viel Potenzial verloren geht.

"Am ÖAI werden rund 90 Prozent der Komplementärwissenschaften nicht von heimischen Institutionen übernommen", bedauert Ladstätter. Woran das liegt, ist für sie nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.

Universitäten orientieren sich an internationalen Vorbildern

Quasi mittendrin in dieser heterogenen Wissenschaftslandschaft befinden sich die Hochschulen, die den Spagat zwischen Forschung und Lehre meistern und sich international bewähren sollen. Die Universität Salzburg beispielweise nimmt sich eine ausländische Universität mit hohem Exzellenzstatus zum Vorbild.

"In einem umfassenden Benchmarking-Prozess sehen wir uns an, welche Bedingungen die Universität Basel für Exzellenz erfüllt", erklärt Rektor Schmidinger. "Wir ziehen daraus Schlüsse für die eigene Weiterentwicklung." Schließlich habe man sich das Ziel gesetzt, so bald wie möglich in internationale Hochschulrankings hineinzukommen. Woran nicht gerüttelt wird, ist die Steigerung des Frauenanteils bei Professuren, der derzeit laut Schmidinger bei rund einem Viertel liege.

Eines wird jedenfalls deutlich: Potenzial ist bei Universitäten und anderen heimischen Instituten vorhanden. Ein Patentrezept, wie dessen Förderung glückt, gibt es nicht. Doch wie sagte schon Georg Christoph Lichtenberg?"Man muss Neues machen, um etwas Neues zu sehen."

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