Nährboden der Gesellschaft

Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst in Wien, über Exzellenz in einer Kunstinstitution

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Das Online-Wörterbuch Wiktionary beschreibt Exzellenz als "die besondere Güte eines Objektes, einer Fähigkeit oder einer Leistung". Laut Duden ist der Begriff auf das Lateinische zurückzuführen und bedeutet "Erhabenheit" oder "Herrlichkeit". In der Wissenschaft gilt sie als Maßstab für Spitzenleistungen. Und trotzdem ist es schwierig, sie zu fassen: "Was ist Erfolg? Was ist Qualität? Wie ist Exzellenz definiert?", fragt Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Etwa 1.800 Studierende sind an der Angewandten inskribiert. Sie studieren zum Beispiel Architektur, bildende Kunst, Design, Medienkunst, Sprachkunst oder Kunstpädagogik und gehören damit zu einem ausgewählten Kreis: im Wintersemester 2012 wurden von 1.318 Bewerbern 298 zum Studium zugelassen. Sie alle haben eine Zulassungsprüfung durchlaufen, bei der neben der fachlichen Eignung vor allem das persönliche Gespräch über den künftigen Studienplatz entscheidet.

"Das Potenzial der Kandidaten zeigt sich für uns in ihrer Ernsthaftigkeit und in ihrem Überzeugtsein, in der Kunst persönlich etwas erreichen zu wollen", sagt Bast. "In diesem Sinne, also in dem Anspruch an sich selbst, das Beste leisten zu wollen, ist Exzellenz ein Thema auch in der Kunst und an der Universität." Wenngleich ein eher ideelles und nicht objektiv bewertbares Thema. Und wieder bleibt die Exzellenz schwer zu fassen - genau hier liegt der Knackpunkt.

Denn: gemessen und verglichen wird trotzdem. Auch, wenn sich Indikatoren wie zum Beispiel die Zahl der Publikationen oder die Anzahl der Zitate, die in anderen Wissenschaften als Maßstab für Exzellenz dienen, nicht auf den Kunstbetrieb umlegen lassen. Denn hier müsste das gesamte System der Ausstellungshäuser, Galerien und Theater ständig neu bewertet werden: "Doch nach welchen Kriterien sollte das erfolgen?"

So sind es schließlich der nationale und der internationale Kunstmarkt, die in der Realität als Messlatte dienen. Die Wertigkeit geschaffener Werke wird fast ausschließlich vom Markt und nicht nach künstlerischen Gesichtspunkten bestimmt. "Und das ist eine Wertung, die für die Kunst nicht adäquat ist."

Auch im universitären Bereich sei stets zu rechtfertigen, warum die Gesellschaft Kunst und Wissenschaft brauche. "Die Bankenrettungsmilliarden werden mit dem Argument vergeben, diese seien systemrelevant und ihre Rettung mit Steuergeld daher alternativlos. Diese Argumentation würde ich mir auch gegenüber der Kunst wünschen." Bast betont: "Kunst ist kein ökonomischer Faktor, sondern der Nährboden der Gesellschaft."

Dementsprechend schwer haben es auch die knapp 200 Absolventen, die jährlich die Angewandte verlassen. Wer nach dem Studium überleben will, braucht entweder schnellen, ökonomischen Erfolg im Kunstbetrieb oder parallel zur künstlerischen Tätigkeit eine einträgliche Arbeit. Ein Leben ausschließlich als Künstler ist fast nicht möglich.

"Unser ökonomisiertes System hat es geschafft, dass sich die Gesellschaft sehr weitgehend verabschiedet hat von der Verantwortung für die Künste", kritisiert Bast. Oft vergehen viele Jahre, bis ein Künstler in diesem System erfolgreich wird. Nicht wenige geben auf dem Weg dahin ihre Kunst auf.

"Der Trend, alles zu messen, schafft eine Scheinobjektivität, die eigentlich von der Kunst wegführt. Dabei gehört Kunst in die Mitte der Gesellschaft", fasst Gerald Bast zusammen. "Die große Frage ist doch: Wozu will man eigentlich wissen, ob jemand exzellent ist?"

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