Spitzenforschung braucht eine kritische Masse

Internationale Spitzenforscher versuchen zu erklären, wie Exzellenz in der Forschung eigentlich zustande kommt - und welche Gefahren die Suche nach Exzellenz birgt

Jochen Stadler | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Im nächsten Augenblick war ich auf einer Schneefläche angekommen, um die herum es nichts anderes gab als Luft - in jeder Richtung. Mit ungeheurer Befriedigung stellten wir fest, dass wir auf dem höchsten Punkt der Erde standen." Es war der 29. Mai 1953 um halb zwölf Uhr, als sich der Neuseeländer Edmund Hillary, von dem dieser Bericht stammt, und der Nepalese Tenzing Norgay am Gipfel des Mount Everest in den Armen lagen.

Nicht viel anders als diese beiden Erstbesteiger des Mount Everest fühlen sich vermutlich Nobelpreisträger, wenn ihnen der schwedische König in Stockholm die Auszeichnung überreicht. Auch sie haben mit ihrer Forschung Neuland betreten und dabei eine besondere Leistung vollbracht. Sie stehen nun auf dem Gipfel ihrer Karriere.

Nicht nur Berg-Erstbesteiger und Nobelpreisträger sind exzellente Vertreter ihrer Art. Es ist auch eine Großtat, weniger hohe Gipfel das erste Mal zu erklimmen und einzelne Eiweißstoffe in einer Krebszelle zu isolieren. Wenn man hingegen den Everest als Sechstausendfünfzehnter besucht, oder an etwas forscht, das kaum Neues verspricht, ist dies höchstens ein netter Zeitvertreib und für den Rest der Menschheit ziemlich unwichtig.

Geld und Freiheit: Voraussetzung für außergewöhnliche Leistungen

Was für exzellente Leistungen erforderlich ist, darüber sind sich die meisten Experten einig. Neben einer Handvoll Geld benötigen Forscher genauso wie Bergsteiger die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie sollten von ebenso motivierten Kollegen umgeben sein und nicht von Bürokraten. Gerade weil man den Erfolg in der Forschung noch weniger als die Besteigung eines bisher unerreichten Berggipfels planen kann, ist eine breite Basis mit qualitativ hochwertiger Forschung notwendig, damit einzelne Forscher und Teams besonders gute Leistungen vollbringen und als "Exzellenzen" gelten können.

Besonders gut sein zu wollen, bringt aber auch Nachteile und Gefahren. Die Top-Forschungs-Universitäten häufen wie Spitzenklubs im Fußball Schulden an. Wissenschafter und deren stille Qualität, die auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar ist, werden beim Geldverteilen oft übersehen und dadurch vernachlässigt. Trotzdem soll in Exzellenz investiert werden, meinen die meisten Expertinnen und Experten, da sonst in der Forschung nichts weitergehe.

Was wird als Exzellenz in der Forschung angesehen?

Forschung ist exzellent, wenn sie wissenschaftliches Neuland betritt, meint Christoph Kratky, Professor für Physikalische Chemie an der Karl-Franzens-Universität Graz und bis Mitte des Jahres Präsident des Wissenschaftsfonds FWF. "Es ist nicht so, dass nur Nobelpreisträger erstklassige Forschungsergebnisse erarbeiten", meint er. In der Grundlagenforschung wisse man nicht, wann ein wissenschaftliches Ergebnis Nutzen bringt. "Deshalb muss sie den Aufwand an Zeit und Geld damit rechtfertigen, dass durch sie unser Kenntnisstand erheblich erweitert wird", erklärte der Biochemiker. In der angewandten Forschung sei dagegen ein möglicher Anwendungsnutzen Grund genug, ein Projekt in Angriff zu nehmen -Exzellenz ist nicht ausschlaggebend.

"Wissenschaft ist kein Versorgungsinstrument für die Wirtschaft oder die Öffentlichkeit. Doch muss sie immer nach neuen Erkenntnissen streben. Mit etwas Glück wird eine solche Erkenntnis ein Durchbruch", sagt Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Planen könne man Exzellenz oder einen wissenschaftlichen Durchbruch nicht, nur die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen. "Wir brauchen eine breite Basis. Auf ihr können wir versuchen, exzellente Forschung aufzubauen." Für einen Durchbruch seien oft viele Mosaiksteine notwendig. Erst wenn man eine Menge davon zusammengetragen hat, könne jemand erkennen, welches Bild sich daraus formen lässt, erklärt der Mediziner.

Katharina Kohse-Höinghaus, Professorin für Physikalische Chemie an der Universität Bielefeld, ergänzt: "Wenn man an die besten Dinge auf der Welt denkt: alte Violinen, Chronometer und Ähnliches - um so etwas zu kreieren, braucht man Geduld, Tradition und Perfektionismus bis zur letzten Konsequenz." Außerdem müsse man sein Werk immer an den höchsten Standards prüfen. Dies sei auch in der Wissenschaft nicht anders.

Exzellenz à la Champions League: Eigene fördern, fremde einkaufen

"Damit ein Land über exzellente Forschung verfügen kann, muss man ausreichend Geld in die Hand nehmen", erklärt Christoph Kratky. Um es gut anzulegen, brauche man Instrumente wie den Wissenschaftsfonds FWF, der Mittel und Wege kennt, um Exzellenz zu identifizieren. Er kann aus Anträgen Forschungsvorhaben herausfinden, die eine höhere Chance auf Exzellenz haben. Damit lassen sich keine erstklassigen Forscher und Projekte aus der Luft zaubern, aber die vorhandenen Potenziale in einem Land möglichst effizient ausschöpfen.

Forschungsinstitute können auch, wenn sie genug Geld dafür haben, erstklassige Wissenschafter einkaufen - so wie es die Fußballklubs mit ihren Stars machen: Zunächst wird auf allen Kontinenten gesucht, und je nach Möglichkeit eingekauft.

"Zwischen den führenden Institutionen besteht ein Wettbewerb um Spitzenforscher. Das funktioniert wie in der Champions League", erklärt Richard Münch von der Universität Bamberg. Für eine einzelne Organisation sei es wichtig, dass eine neue Erkenntnis von den eigenen Forschern stammt. Damit kann sie sich im internationalen Wettbewerb besser positionieren. "Für die Wissenschaft selbst ist es aber völlig egal, wo der Erkenntniszuwachs entsteht", meint der Philosoph.

Auch eine Fußballmannschaft brauche eigenen Nachwuchs, der sich zunächst einmal in der Unterliga austoben kann, vergleicht die Chemikerin Katharina Kohse-Höinghaus. "Es ist aber natürlich im Fußball genauso wie in der Wissenschaft legitim, dass man nach Talenten Ausschau hält, die in das eigene Team passen", sagt sie, die, ebenso wie Münch, bei der Tagung des Österreichischen Wissenschaftsrates zum Thema "Exzellenz" im November in Wien referierte.

Die Kritische Masse: Auf das Umfeld kommt es an

In der Praxis reicht es bei Weitem nicht, nur einen einzigen hervorragenden Wissenschafter in eine Institution zu bringen. Wird er dort allein gelassen, verkümmert er meist, meint Kratky, denn Spitzenforschung braucht eine kritische Masse. Hat man gute Köpfe an einem Institut, ziehen diese wiederum andere Wissenschafter an.

"Was gute Forscher wollen, ist ein Umfeld, in dem sie jeden Tag mit ihren Kollegen diskutieren können. Das bringt ihnen neue Ideen", sagt Britt-Marie Sjöberg, Vizepräsidentin der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, ebenfalls am Rande der Tagung.

Halten könne man gute Forscher, indem man sie mit genügend Geld ausstattet. Damit können sie sich um ihre Forschung kümmern und müssen nicht ständig nach Mitteln suchen, um den Laborbetrieb aufrecht zu erhalten.

"Gute Forscher wollen in einem Biotop mit anderen guten Wissenschaftern leben und möglichst wenig von bürokratischen Lästigkeiten belangt werden", behauptet Kratky. Er kenne wenige wirklich gute Wissenschafter, die es stört, den Nachwuchs zu lehren. Die Physikerin Kohse-Höinghaus sagt dazu: "Es macht mir keinen Spaß, wenn ich vor vierhundert Studierenden stehe, die alle Zeitung lesen, schlafen oder sich unterhalten." Doch in der Regel sei die Lehre für die Vortragenden eine Bereicherung. "Ich habe auch ein großes Schülerlabor, wo wir die Kinder frühzeitig für die Naturwissenschaften interessieren wollen", erklärt sie. Dass manche ihrer Kollegen die Lehre nur als Belastung empfinden, findet sie den Studierenden gegenüber unfair.

Das Verhältnis von Forschung und Lehre und Gefahren der Exzellenz

"Exzellenz erweist sich nicht immer nur in einer tollen Publikation", sagt der Berliner Akademiepräsident Günter Stock. "Es kann auch eine brillante Idee sein, wie man aus einer wissenschaftlichen Erkenntnis ein Produkt entwickelt. Oder wenn man Schüler im Unterricht so begeistert, dass sie der Wissenschaft treu bleiben. Wenn wir ein Exzellenz-Europa sein und werden wollen, brauchen wir nicht nur den europäischen Forschungsraum, sondern auch einen gemeinsamen Bildungsraum."

Bei der Exzellenz-Diskussion bliebe die Lehre meist auf der Strecke, meint Andrea Schenker-Wicki von der Universität Zürich und Mitglied des Wissenschaftsrates. "Die Forschung ist international, aber die Lehre nicht", stellt sie fest. Internationale Vergleiche berücksichtigen daher nur die Forschung. Die Lehre werde von den Wissenschaftern quasi als Zugabe erbracht. "Ein Ökonom würde sagen, dafür gibt es eigentlich keinen internationalen Markt", sagt die Betriebswirtin.

"Das Streben nach Exzellenz birgt die Gefahr, dass man in die Spitze überinvestiert und die Breite vernachlässigt", behauptet der Philosoph Richard Münch. "Hier kommen die Auswirkungen der Sichtbarkeit und der sogenannte Matthäuseffekt zusammen." Gemäß dem Satz aus dem Matthäus-Evangelium "Wer da hat, dem wird gegeben, dass er Fülle habe", meinen Soziologen damit, dass Erfolge häufig eher durch frühere Errungenschaften als durch die gegenwärtige Leistung erzielt werden. "Die Forschungsförderung möchte jene, die sich schon hervorgetan haben, in besonderer Weise fördern. Sie bekommen noch mehr Mittel. Doch gibt es für jedes Fachgebiet eine gewisse optimale Größe. Wenn diese überschritten wird, sinkt die Produktivität pro Forscher." Wenn dabei auch die große Masse der Forscher vernachlässigt wird, entstehe ein für das Wissenschaftssystem lähmender Effekt. "Exzellenz stößt auch durch einen unglaublichen Anstieg der Kosten, vor allem in den Lebenswissenschaften, an ihre Grenzen." Andrea Schenker-Wicki aus Zürich ergänzt: "Sogar bei den reichen Eliteuniversitäten in den USA wachsen die Schulden."

Politische Planung für Forschung kann kontraproduktiv sein

Wissenschaftliche Exzellenz braucht eine stabile und langfristige nationale Politik für die Forschungsförderung. "Diese sollte den Forschern auch die Möglichkeit geben, kühnen und innovativen Ideen nachzugehen", sagt Britt-Marie Sjöberg von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. "Wenn man schon von vornherein festlegt, was genau man herausfinden will, verschließt man vielleicht die Türen zu unerwarteten Entdeckungen. Diese können viel interessanter und wertvoller sein als die ursprüngliche Forschungsidee." Politiker würden zu oft annehmen, dass strategische Initiativen exzellente Resultate liefern, wenn sie auf ein vorbestimmtes Forschungsfeld ausgerichtet sind. "Mit diesem Ansatz laufen wir Gefahr, wichtige Entdeckungen zu verpassen, die oft aus weniger zielgerichteter Forschung kommen", erklärt die Biochemikerin.

"Mit politisch vorgegebenen Programmen bringt man Wissenschafter möglicherweise dazu, Dinge zu tun, die nicht ihrem eigenem Neugierpotenzial entsprechen", ergänzt der Berliner Akademiepräsident Stock. Dies könne kontraproduktiv wirken.

Man müsse Neugier und Widerspruch Raum geben. "Wissenschaft lebt auch vom Mut der Wissenschafter, Gegebenes infrage zu stellen und so aus dem Mainstream auszubrechen. Ohne diese Freiheit liefern Wissenschafter bloß immer mehr vom Gleichen."

Auch der Philosoph Münch sieht das Problem: "Der Wettbewerb um Fördergelder hat einen Standardisierungseffekt. Wenn für alle Forschungsvorhaben ein Antrag gestellt werden muss, bei dem die herrschenden Standards eingehalten werden sollen, bleiben kaum Spielräume für Kreativität. Man muss ja stets vorweisen, was man schon geforscht hat. Dies setzt sich dann in den neuen Projekten meist nur fort. So kann nicht viel Neues entstehen." Daher sollte Forschern und Forscherinnen mehr Mobilität bei der Auswahl der Forschungsthemen zugestanden werden. "Sonst steckt der Wissenschafter in einem Hamsterrad."

Die Schwedin Sjöberg stimmt dem zu und ergänzt, wie wichtig es sei, dass auch Forschung gefördert werde, bei der die Ziele offen seien. "Man sollte versuchen, Forscher mit herausfordernden Ideen zu erkennen und zu unterstützen. Damit wird man nicht zu hundert Prozent erfolgreich sein, aber wenn man ihnen die notwendigen Ressourcen gibt, werden einige Exzellenz in die Wissenschaft bringen."

Wie lässt sich Exzellenz in der Forschung wirklich messen?

"Am einfachsten ist es, nachträglich zu sagen, welche Arbeit erstklassig war. Aber gerade wenn es um Geldzuweisungen geht, muss man auch versuchen, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen", sagt der Berliner Akademiepräsident Stock.

Die vergangenen Leistungen der Forscher seien kein schlechter Indikator für ihre künftige Arbeit. "Unsere Einschätzungsformen sind nicht unberechtigt, aber definitiv unvollständig." Bei Institutionen bliebe nicht viel mehr übrig, als auf Rankings zurückzugreifen, meint Andrea Schenker-Wicki.

"Schweden will nach 2015 ein landesweites Evaluierungssystem einführen. Dazu hat sich die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften, das Pendant zum Österreichischen Wissenschaftsrat, die verschiedenen Rankingsysteme angesehen. Ergebnis: Alle Systeme können manipuliert werden", sagt Sjöberg von der Schwedischen Akademie.

Mit komplizierten mathematischen Formeln könne man berechnen, wer berufen werden sollte, um ein Rating zu erhöhen, ob man einen Professor, der auf einem anderen Kontinent arbeitet, für eine Teilzeitstelle verpflichten soll, oder welche Verbindungen mit der Industrie für die Bewertung sinnvoll sind.

"Ein System, mit dem man Exzellenz messen will, sollte aber auf keinen Fall mehr kosten, als man damit erreichen kann", meint Sjöberg. Hingegen sei die Bewertung der Leistung einzelner Personen einfacher -nämlich durch die Beurteilung von Fachkollegen, die Peer-Review.

Auch wenn PR-Abteilungen und manche Wissenschafter gern die Exzellenz einer Institution oder einer Person herausstreichen, sollte man das Abschätzen der Leistung Außenstehenden überlassen. "Wer und was exzellent ist, liegt im Auge des Betrachters", meint Schencker-Wicki.

Und Kohse-Höinghaus ergänzt: "Ich glaube, dass Exzellenz als Prädikat von anderen verliehen werden sollte." Man könne nur versuchen, ein erstklassiger Forscher zu sein. Das Urteil über die Qualität der eigenen Leistung sollte man jedoch in aller Bescheidenheit den Kolleginnen und Kollegen überlassen.

Liegt unsere Zukunft eher in Forschung als im Fußball?

Auf einem Plakat des deutschen Designers und Juristen Klaus Staeck steht: "Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Universitäten ruhig verzichten."

Für Österreich wäre diese Ironie noch bitterer. Der letzte Box-Europameister aus Österreich, Edip Sekowitsch, wurde 2008 vor seinem Pub beim Wiener Südbahnhof erstochen. Die Zeit, als Thomas Muster die Nummer 1 der Tenniswelt war, ist lange her. Und in der Formel 1 hatten wir durch Gerhard "Hätti-wari" Berger 1997 den letzten Grand Prix gewonnen. Im Fußball liegt unser Nationalteam auf Platz 53, einen Platz hinter Burkina Faso.

Der Sport als Hoffnungsträger nationaler Errungenschaften hat also offenbar längst ausgedient. Es ist daher höchste Zeit, in den österreichischen Nachwuchs in der Forscherung zu investieren und wissenschaftliche Exzellenz zu ernten.

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