Wissenschaft ist ein Wagnis

Der Begriff "Exzellenz" ist in Gefahr, zur leeren Worthülse zu verkommen. Gefordert ist die Abkehr von Automatismen

Verena Ahne | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Es gab eine Zeit, da war die Automatisierung der Flugzeuge so weit vorangeschritten, dass die, die sie eigentlich lenken sollten, praktisch überflüssig geworden waren. Eines Tages wäre so eine Maschine um Haaresbreite abgestürzt. Das Unglück geschah nur deshalb nicht, weil es dem pilotierenden Menschen in letzter Sekunde gelungen war, den übermächtigen Autopiloten zu deaktivieren.

Ein wenig mehr Kritik bei allem, was sich exzellent nennt

Helga Nowotny fühlt sich bei der derzeit übermächtigen Exzellenzdiskussion in der Wissenschaft oft an diesen Fall erinnert: "Exzellenz funktioniert nicht mit Automatismen", plädiert die scheidende Präsidentin des European Research Council (ERC) kürzlich in Wien für mehr menschliches Maß. Zu viel Autopilot - und Exzellenz stürzt ab.

Automatismen im "Zeitgeist-Exzellenz-Diskurs" sieht auch Peter Fröhlicher: "Was derzeit alles als exzellent verkauft wird, ist oft nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen", sagt der Romanist, der als Mitglied des Schweizer Wissenschaftsrates die Szene gut kennt. "In brüchigen Schläuchen", ergänzt er, "nicht sehr belastbar". Denn Projekte werden heute oft nur noch gefördert, wenn sie Schlagworte wie "nachhaltig","gesellschaftlich relevant" oder "interdisziplinär" enthalten. Die Wissenschaft und ihre Akteure, so Fröhlicher, wären gut beraten, selbstkritischer zu betrachten, worauf sie bei der Begutachtung anspringen: "Um all die inflationären Floskeln der Antragsprosa bereinigt, ist so manches Projekt gar nicht mehr sonderlich attraktiv."

Statt Freiheit der Forschung Anpassung an Förderung

Hoher Beliebtheit im Exzellenz-Reigen erfreut sich auch die Bildung von Clustern bzw. Netzwerken. Weil Transdisziplinarität derzeit mehr Geld verspricht, wird zusammengeschlossen, was das Zeug hält. "Aber Cluster sind per se noch keine Garantie für Qualität", spricht Fröhlicher von mitunter "krampfhaft zurechtgebastelten Kooperationen".

Ähnlich kritisch ist Jan-Hendrik Olbertz, Rektor der Humboldt-Universität zu Berlin, einer Institution, die letztes Jahr in den illustren Kreis deutscher Elite-Unis aufstieg, also zu den "Siegerinnen" der nicht unumstrittenen deutschen Exzellenzinitiative zählt. Erfolg hin oder her, Olbertz kennt auch die Schattenseiten der gegenwärtigen Entwicklungen. "Wissenschaftliche Fragestellungen werden oft nicht mehr aus Interesse oder Neugier formuliert, sondern es wird versucht, größtmögliche Konformität mit einem gerade offerierten Förderformat herzustellen", weiß der Erziehungswissenschafter. Dieses Nach-dem-Mund-Reden sei aber eine Bedrohung der Freiheit der Forschung, verstärkt durch die mangelnde Grundfinanzierung der Universitäten und den Wettbewerb um Drittmittel.

Olbertz sieht zudem eine unglückselige Inflation des Attributs "exzellent"(kein Wunder, werden die Mittel doch eher ausgeschüttet, wenn "exzellent" draufsteht):"Es gibt viele gute und sehr gute Forschungsleistungen, die es zu würdigen gilt, ohne dass sofort von 'Exzellenz' die Rede sein muss. Wenn wir solche Unterscheidungen nicht treffen, wird das Wort entwertet und führt in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung bald zu Langeweile und Desinteresse."

Mehr Exzellenzförderung durch EU-Programme

Was aber trennt die Spreu vom exzellenten Weizen? Es gibt eine lange Liste von Kriterien, die gern herangezogen werden, zum Beispiel Publikationen in prestigeträchtigen Journalen. Freilich stammen die meisten davon aus den "harten" Wissenschaften, den "Sciences"; die meisten sind auf Geistesund Sozialwissenschaften kaum umlegbar, merkt Fröhlicher an.

Helga Nowotny zieht die Linie anders: "Nur Exzellenz erkennt Exzellenz", sagt die Soziologin: die besten Köpfe in handverlesenen Gremien, Personen ohne Interessenkonflikte, die beurteilen können, wer Herausragendes leistet oder vielleicht leisten wird. Die sich nicht von Schlagwörtern blenden lassen, sondern von brillanten Ideen und der Qualität und Kontinuität der bisherigen Arbeit.

Der ERC, der so verfährt, ist damit höchst erfolgreich. Das Forschungsförderinstrument wurde vor ein paar Jahren ins Leben gerufen, als der EU dämmerte, wie schlecht es im globalen Wettbewerb um ihre Innovationskraft bestellt ist. Mit viel Geld wird seither überragende Grundlagenforschung gefördert: Personen, nicht Institutionen oder Themen: man will "die besten Köpfe". In den ersten sieben Jahren flossen 7,5 Milliarden Euro in ERC-Grants und -Starting Grants (an Junge), für die kommenden sieben Jahre sind 13 Milliarden veranschlagt.

Exzellenz zieht Exzellenz an, wenn genügend Geld da ist

Evaluationen des Effekts dieser Förderungen sind erst im Entstehen, doch erste Untersuchungen zeigen, dass die Großzügigkeit der Mittel die Projektqualität merklich erhöht: einfach, weil sich die Geförderten mehr trauen. "Exzellente Forschung erwächst nicht aus einem vorgegebenen Plan, sondern aus individueller Neugier, Fantasie, Intelligenz und Kreativität der Forscherinnen und Forscher", bestätigt Olbertz. Deshalb auch könne sie nicht auf Knopfdruck erzeugt werden: "Man kann nur Bedingungen schaffen, unter denen solche Leistungen möglich und reizvoll sind, eine 'Kultur der Ermöglichung'".

Wo dann gute Leute forschen, kommen andere gute gern hinzu: Exzellenz zieht Exzellenz an. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie eine Perspektive über viele Jahre hinweg geboten bekommen - ein zentraler Faktor des Erfolgs sogenannter Elite-Universitäten.

Das alles braucht mehr Geld, nicht weniger. Geld auch, das nicht einzig nach dem Motto "Was bringt es für die Wirtschaft?" fließt. "Es gibt keine allgemein gültigen Kriterien, was Top-Forschung ist", sagt Fröhlicher. "Oft sieht man die Relevanz erst nach Jahren, manchmal Jahrzehnten." Wissenschaft sei eben immer ein Wagnis: Man weiß nicht immer, was herauskommen wird, doch wer das Wagnis nicht eingeht, also auch nicht interessengeleitete Forschung unterstützt, wird auf Dauer verlieren. Darin sind sich alle Befragten einig.

Zu wenig Förderung für unsere Grundlagenforschung

Länder wie die Schweiz oder Deutschland haben das erkannt und trotz Finanzkrise mehr Geld in die nationale (Grundlagen-)Forschung investiert. Und Österreich? Nach 2008 wurden die bereits zugesagten Mittel für den FWF, das wichtigste heimische Förderinstrument für Grundlagenforschung, drastisch zurückgefahren (von Planungssicherheit über viele Jahre gar nicht zu sprechen). Während das Land im internationalen Spitzenfeld liegt, was das Sponsern der Industrie- und wirtschaftsnahen Forschung angeht, liegen wir bei der Grundlagenforschung weit abgeschlagen hinter Ländern wie der Schweiz, Finnland oder den Niederlanden.

Das macht sich in den Ergebnissen bemerkbar: Die heimischen Universitäten sacken trotz einzelner Spitzenleistungen, die es zweifelsfrei gibt, in internationalen Rankings Jahr für Jahr weiter ab. Laut FWF-Mehrjahresprogramm 2011 bis 2015 zeigen Analysen, "dass die führenden Länder nicht nur in einzelnen Disziplinen, sondern allgemein eine höhere Qualität des wissenschaftlichen Outputs aufweisen als Österreich".

Eine ernüchternde Bilanz, an der eine auf Autopilot gestellte Förderpolitik kaum etwas verbessern wird. Es ist Zeit für menschliche Piloten in der Politik, die sich mit Visionen, Mut und Geld auf das Wagnis Wissenschaft einlassen.

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