"Eine Atmosphäre für verrückte Ideen"

Der Neurologe Arno Villringer über die Relevanz von "dummen" Fragen für Erkenntnisse

Siobhán Geets | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Heute gelten als wesentliche Kriterien für Exzellenz in der Wissenschaft Publikationen von Forschern und wie oft sie zitiert werden. Das sind aber nur kurzfristige Parameter. Letztlich geht es um die Lebensleistung, also darum, ob Wissenschafter neue Ideen und Hypothesen aufgestellt, widerlegt oder belegt haben. Wissenschafter müssen sich dabei immer auch gesellschaftlichen Fragen stellen.

Wie haben sich die Ansprüche an Forscher verändert?

Arno Villringer: Früher gab es häufig einzelne Wissenschafter wie Einstein, die Überragendes leisteten. Heute ist die Wissenschaft zunehmend eine kooperative. Es gibt interdisziplinäre Teams. Führende Wissenschafter sind häufig kooperativ gesinnte Personen, die sich mit anderen austauschen.

Man denkt bei Exzellenz in der Wissenschaft sofort an Hochbegabte. Was macht sie aus? Hatte etwa Einstein mehr neuronale Verbindungen?

Villringer: Natürlich war Einstein außergewöhnlich begabt, aber er dachte auch viel nach und beschäftigte sich wie besessen mit einem Thema. Der Versuch, sein Genie auf bestimmte Merkmale im Gehirn zu reduzieren, geht fehl. Natürlich hatte er eine gute Ausgangslage, aber da kam noch viel anderes dazu. Um überragende Leistungen zu bringen, muss man nicht notwendigerweise überragend intelligent sein. Es ist viel wichtiger, dass man stetig und oft mit großer Intensität ein Thema verfolgt und sich in vielen Facetten damit beschäftigt. Das ist für exzellente Leistungen wichtiger als die Ausgangsintelligenz. Es kommt auch darauf an, Ideen und Gedanken anderer aufzunehmen und zu kooperieren. Beim Nachweis des Higgs Boson, eine der bemerkenswertesten Leistungen der vergangenen zwei Jahre, waren mehr als 2000 Menschen beteiligt. Jener Einstein, der einst in seinem Kämmerchen saß und die Welt neu erklärte, gehört in fast allen Forschungsgebieten der Vergangenheit an.

Welche Rolle spielt Kreativität bei wissenschaftlichen Genies?

Villringer: Eine sehr wichtige. Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen einer guten Grundlage, einem fundierten Wissen, und der Bereitschaft, Dinge auf sich zukommen zu lassen. In meinem wissenschaftlichen Umfeld arbeiten die unterschiedlichsten Pers nlichkeiten zusammen. Da gibt es den Typus, der solide Erkenntnisse validiert, und jenen, der gar nicht im Labor auftaucht, sondern in der Bibliothek liest und sich mit vielen verschiedenen Dingen beschäftigt. Der hat dann eines Tages die Blitzidee, die in den kommenden zehn Jahren der Ausgangspunkt für Experimente ist. Oft scheint es, als gebe es in jedem Team ein paar Verrückte, und ich meine das nicht im negativen Sinn, die um die Ecke denken und so abseits der etablierten Wege auf neue Gedanken kommen. Man muss in den Teams eine Atmosphäre schaffen, in der auch vermeintlich verrückte Ideen formuliert werden dürfen.

Kreativ zu sein bedeutet aber auch, sich leichter ablenken zu lassen. Sind geniale Menschen chaotischer?

Villringer: Es gibt hier keine einfache Korrelation. Was aber sicher zur Kreativität gehört ist, bestimmte Gedanken und Ideen überhaupt zuzulassen. Das mag manchmal chaotisch wirken, muss es aber nicht sein. Menschen, die mit Wissenschaftern zu tun haben, sehen oft merkwürdige und schräge Typen unter ihnen. Bei den schrägen Typen sind manche richtig zwanghaft, also das Gegenteil von chaotisch. Toleranz gegenüber sehr unterschiedlichen Menschen ist letztlich das Wichtigste für erfolgreiche Forschung.

Welche Strukturen braucht es, damit sich Exzellenz durchsetzen kann?

Villringer: Es muss der gemeinsame Wille da sein, etwas Großes, Neues zu schaffen. Dazu gehört die Toleranz gegenüber naiven, vielleicht sogar dummen Fragen und Anregungen. Oft sind die echten Durchbrüche die Ideen, bei denen die Mehrheit vorher sagt: Das ist doch Unsinn! Die Empfänglichkeit für Beobachtungen ist also ein wichtiger Punkt. Die Akzeptanz des Ungewöhnlichen und Schrägen ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Forschung.

Welche Rolle spielen die Gene, welche das Umfeld?

Villringer: Von Prozentzahlen zu sprechen, halte ich für Unsinn -also zu sagen, die Gene machen 40,50 oder 60 Prozent aus und der Rest ist das Umfeld. Sicher ist, dass wir die Möglichkeiten, die wir haben und das Potenzial dramatisch steigern können. Man hat festgestellt, dass die Gesamtintelligenz, also der IQ, den man ja messen kann, in den vergangenen 80 Jahren immer mehr anstieg. Wenn pro Dekade alle Menschen im Schnitt um drei Punkte schlauer werden, dann kann das ja gar nichts mit Genen zu tun haben.

Welche Umweltfaktoren sind hier relevant?

Villringer: Es gibt massive Umgebungsfaktoren, die über die Schulbildung hinausgehen. Wie offen ist die Gesellschaft für neue Ideen? Wie gesund ist unsere Gesellschaft? Es gibt den Trend, dass die Gesellschaft immer intelligenter wird, aber es gibt auch Indizien dafür, dass dieser Trend nun gestoppt ist und sich vielleicht sogar umkehrt. Übergewicht wird zur weit verbreiteten Krankheit, auch bei Kindern. Die Konsequenzen sind frühe Beeinträchtigung der Gesundheit bis hin zu geringeren geistigen Fähigkeiten. Wir wissen, dass Übergewicht mit den geistigen Leistungen interferiert und Sport die Intelligenz fördert. Beim intelligentesten Menschen der Welt spielen die Gene sicher eine Rolle, aber auch Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz können Überragendes in der Wissenschaft leisten. Es kommt darauf an, wie sie gefördert werden und wie intensiv sie sich mit einem Thema beschäftigen.

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