Was am Ende bleibt

Brauch ma alles, net?

Erich Klein | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Josef Weinheber, 1892 in Ottakring geborener Fleischhauersohn und selbstgeadelter Dichtervisionär des Weltuntergangs, erfreute sich als Verfasser neoklassischer Gedichte nach dem Ersten Weltkrieg einiger Beliebtheit. Sein sozialkritischer Roman "Das Waisenhaus" wurde in der sozialistischen Arbeiter-Zeitung in Fortsetzungen abgedruckt.

Wirklich große Beliebtheit erlangte der "Hyperion aus Ottakring" aber vor allem mit dem hauptsächlich aus Dialektgedichten bestehenden Band "Wien wörtlich" (1934). Die Mixtur aus halbanarchistischem Phäakenund Raunzertum der Wiener galt gleichermaßen im Ständestaat wie in der Zweiten Republik als Apotheose der österreichischen Seele. Wer hätte sie besser auf den Punkt gebracht?

"Wann i, verstehst, was zreden hätt, / i schaffert alles a." Weinhebers schwarzer Humor grenzte bisweilen ans Selbstmörderische: Trotz aller Hellsichtigkeit, etwa in Bezug auf den "Sieg der Provinz" in sprachlichen Belangen, setzte er bewusst auf die schillernde Doppeldeutigkeit der Mundart. Seine geschichtsphilosophisch verbrämte Weltsicht kannte nur eine Alternative: Dialekt, den einst sogar Kaiser und Herren sprachen, gegen die "Sprache der Zeit". Als Repräsentanten letzerer verstand er "Dienstmadeln" und die Juden der Wiener Kaffeehäuser.

"Kaiser und Herren, de gibt's nimmermehr. / D'Juden ham d'Vornehmheit pacht. / Wienerisch ist ihner vü z'ordinär -/ Sprechen nur Schrift - guade Nacht!"

Die wahre Sprache sei dagegen - "Sprach, des is Bluat, und Schrift is Papier". Von da war es nicht mehr weit zur Nazisprache des Blutes gegen "die Juden" und zur Hetze gegen sogenannte "Asphaltliteraten".

Dass Weinheber Joseph Goebbels, der von ihm noch deutlichere Bekenntnisse zu Hitler verlangte, als er sie nach 1938 ohnedies geliefert hatte, mit einem "In Ruah lassen!" geantwortet haben soll, steht auf einem anderen Blatt. Die Universität Wien verlieh ihm 1942 das Ehrendoktorat. Weinheber beging 1945 Selbstmord, seine Popularität reichte weit bis in die Achtzigerjahre.

Um den fröhlichen und dekonstruktiven Aktionismus, den Studenten der Universität für Bildende Kunst bei der Umgestaltung der Weinheber-Büste am Schillerplatz in diesem Jahr kurzzeitig an den Tag legten, ist es wieder still geworden. Leider! Wie sagte Weinheber? "Was brauch ma denn des alles, net? / Is eh gnua da."

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