"Tolle Ideen allein reichen nicht!"

Die neue Präsidentin des FWF, die Astrophysikerin Pascale Ehrenfreund, im Gespräch über fehlende Exzellenzcluster in Österreich und was man tun kann, um sie zu ersetzen

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 6/13 vom 04.12.2013

Pascale Ehrenfreund ist seit September 2013 Präsidentin des Wissenschaftsfonds FWF. Die Astrophysikerin arbeitet als Research Professor of Space Policy and International Affairs an der George Washington University und ist Lead Investigator am NASA Astrobiology Institute.

Frau Präsidentin, was bedeutet für Sie der Begriff ,Exzellenz in der Wissenschaft'?

Pascale Ehrenfreund: Nur tolle Ideen allein reichen nicht - es ist ein Gesamtpaket. Der FWF fördert Spitzenqualität in der Grundlagenforschung beginnend beim Doktorat, etwa im Rahmen von FWF-Doktoratskollegs. Es gibt internationale Stipendien, Programme, Publikationen etc. Wir fördern Entwicklungsprozesse hin zu wissenschaftlicher Exzellenz und tun dies mithilfe internationaler Gutachten. Wir sind Katalysator für wissenschaftliche Exzellenz nach internationalen Maßstäben und unterstützen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter darin, diesen Anspruch einzulösen.

Im April 2008 kündigte der FWF ein Exzellenzcluster-Programm mit dem Ziel an, "international sichtbare Zentren der Top-Forschung in Österreich nachhaltig

auszubauen". Wie sieht so ein Zentrum aus? Ehrenfreund: Das war eine gemeinsame Idee von Ministerium und FWF, die vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise nicht verwirklicht werden konnte. Es war seither zu keinem Zeitpunkt genug Geld da, Exzellenzcluster zu realisieren. Die Idee ist in der Schublade. Wir haben aber auch jetzt schon international ausgezeichnete Bereiche in Österreich, die sich in den letzten Jahren zu Exzellenzzentren entwickelt haben.

Angenommen, es wäre genug Geld da: Wie würde dann konkret gefördert werden?

Ehrenfreund: Exzellenzcluster wären Zentren, die sich innerhalb Österreichs bilden, so gut ausgestattet, dass sie weltweit als begehrte Kooperationspartner gelten. Für eine Zeitspanne von zwölf Jahren bräuchte man etwa 300 Millionen Euro, um sechs Exzellenzcluster in Österreich zu etablieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass man durch Exzellenzprogramme Zentren fördert, die ohnehin schon hervorragend sind, und andere Institutionen benachteiligt?

Ehrenfreund: Minister Töchterle hat auf der Konferenz des Wissenschaftsrates im November zum Thema gesagt, er sei für die breite Spitze, weil Österreich ein kleines Land ist. Wir hinken bei den Tertiärabschlüssen nach, Post-docs schicken wir nicht selbstverständlich ins Ausland, und wir haben auch kein Tenure-track-System nach angelsächsischem Vorbild. Unsere Universitäten sind unterfinanziert, die Grundlagenforschung ist unterfinanziert. Man müsste an vielen Fronten kämpfen das meinte der Minister mit breiter Spitze. Er hat aufgerufen, vorhandene Stärken am Standort auszubauen, um hohe Qualität zu erreichen - als Alternative zu möglichen Exzellenzclustern. Ich stimme ihm zu, solange für den großen Wurf das Geld fehlt. Sonst sollten wir es so machen wie in Deutschland, wo Exzellenzinitiativen gesetzt werden.

Ist der Cluster eine Modeerscheinung, ein Modebegriff für die Vermarktung?

Ehrenfreund: Das ist natürlich ein bisschen ein Modebegriff, auch bei der Tagung wurden dafür verschiedene Erklärungen abgegeben. Was aber viel diskutiert wurde, ist, dass kleine wissenschaftliche Teams, die gut mit anderen Gruppen interagieren können, denen man Freiräume gibt, die mit wenig Bürokratie behelligt sind, sich effizient zur Exzellenz entwickeln können. In Österreich zeigt das eine Vielzahl an Gruppen am Vienna Campus Biocenter oder am IST Austria, um nur zwei Standorte exemplarisch zu nennen. Es hängt nicht ausschließlich am Geld, es gibt mehrere Komponenten: Kern sind die Talente, die es zu finden gilt. In der Wissenschaft geht es aber auch um Infrastruktur und um die Atmosphäre: Werden die Leute motiviert, haben sie Freiräume, oder werden sie mit Administration erschlagen? Wir haben Vorzeigeinstitute, die sich sehr gut entwickeln. Werden die politischen Weichen klug gestellt, sollte es möglich sein, die Anzahl der exzellenten Institute in Österreich deutlich zu erhöhen. Und wenn man das Geld für Zukunftsinvestitionen nicht hat, muss man dort ansetzen, wo man kann.

Exzellenzcluster bedeutet Schwarmintelligenz: Forscht es sich im Kollektiv immer leichter, oder können zu viele Köche den Brei auch verderben?

Ehrenfreund: Bei riesigen Forschergruppen ist die Wechselwirkung nicht immer so günstig. Die Kommunikation ist oft nicht ideal, es gibt administrative Hürden. Wenn man es aber gut aufsetzt, kann man das überwinden. Man sollte es aber dabei belassen, verschiedenen Kleingruppen Freiraum zu geben, sodass sich daraus der Cluster von selbst bildet. Joint Research Centres mit vielen Leuten, das funktioniert oft nicht so gut.

Lassen sich Exzellenzcluster nur außeruniversitär verwirklichen, oder können das auch Universitäten?

Ehrenfreund: Natürlich können und sollen Exzellenzcluster an Universitäten entstehen, auch dann, wenn es Komponenten gibt, bei denen die Anwendung im Vordergrund steht. Das kommt aufs Thema an. Exzellenz lässt sich jedenfalls nicht von vornherein definieren.

Welche Rolle spielen Drittmittel?

Ehrenfreund: Drittmittel der Marke FWF sind immer mehr gefragt. Unser Antragsvolumen steigt kontinuierlich. Die Lise-Meitner-Stipendien für Wissenschafter, die von außen nach Österreich kommen, sind extrem überlaufen. Aufgrund der Wirtschaftskrise in Südosteuropa erhalten wir sehr gute Anträge - auch aus den USA! Diese Forscher suchen sich Österreich als Standort aus und wollen mit Drittmitteln Fuß fassen. Diesem steigenden Antragsvolumen ist in unserem Budget nicht Sorge getragen. Es wäre aber wichtig, das auszubauen, sodass wir auch vom Brain Gain profitieren. Jetzt ist die Zeit, gute Leute zu bekommen!

Sie sind Astrobiologin: ein typisches Forschungsfeld für Exzellenzprogramme, sehr geldintensiv ...

Ehrenfreund: In den USA gibt es ein interdisziplinäres, von der NASA gefördertes Exzellenzfeld für Astrobiology von zwölf Zentren, die sehr vernetzt sind, auch international. Sie werden jeweils mit etwa zehn Millionen US-Dollar für fünf Jahre finanziert, man kann auch noch um eine Verlängerung ansuchen. Diese Gruppen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Themen, sie sind auch nicht an einem einzigen Standort. Fünf bzw. zehn Jahre an einem Thema forschen zu können, ist sehr lange. In Österreich zögert man, etwas zu fördern, das nicht Mainstream ist. Der Dialog fehlt mir in Österreich. In Amerika diskutiert man viel mehr. Man könnte mehr erreichen, wenn sich die richtigen Leute an einen Tisch setzen. Und wenn das Geld fehlt, muss man umso mehr versuchen, Strukturveränderungen durchzusetzen, man muss Wissenschaft und Forschung auf ein Podest heben und stärken und Österreich auf seinem Weg zum Innovationsleader helfen. Man darf die Unis nicht vergessen - da ist viel zu tun.

Wie sieht das bei den Geistes- und Sozialwissenschaften aus?

Ehrenfreund: Es ist derzeit auch wichtig, fachübergreifend mit den Humanities zusammenzuarbeiten: Wasser, Nahrungsmittel, Migration, Demografie, Urbanisierung und Überalterung sind Themen, zu denen alle Disziplinen beitragen können; hier spielen die Geistes- und Sozialwissenschaften eine wichtige Rolle. Bei wachsenden Großstädten sind Armut und Kriminalität, auch interkulturelle Differenzen, Themen. Mit den Programmen Europa 2020 und Horizon 2020 pumpt die EU sehr viel Geld in solche Fragestellungen.

Ist das Kollektiv die Zukunft der Wissenschaft? Ist Faust im Kämmerchen ein Auslaufmodell?

Ehrenfreund: Es ist wichtig, dass es Leute gibt, die sich spezialisieren, aber das Kämmerlein gibt's nicht mehr. Die Orientierung nach außen ist wichtig - mit internationaler Kooperation kann man viel erreichen.

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