Reagenzglas vor Mutterbauch?

Ethisches Dilemma in Österreich: Ein Embryo ist im Reagenzglas rechtlich besser geschützt als in der Gebärmutter

JOCHEN STADLER | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Lisa starb mit elf Monaten. Ihr Körper war zuletzt von Blasen bedeckt, auch ihre Schleimhäute waren wund. Das Mädchen litt unter einer schweren Form einer Erbkrankheit, bei der die Hautschichten wegen eines Gendefekts kaum miteinander verbunden sind - sie war ein "Schmetterlingskind". Die Eltern konnten ihre Tochter nicht an sich drücken und durch Streicheln trösten, die Mutter konnte sie nicht einmal stillen, dann jede Berührung verschlimmerte ihre Schmerzen. Schließlich versagten Lisas Nieren, und die Eltern mussten sich von dem Mädchen vor dessen ersten Geburtstag für immer verabschieden.

Wenn Lisas Eltern noch ein Kind wollen, kann sich das Leid wiederholen, und zwar mit einem Risiko von 1:4. Sie könnten ein Ungeborenes freilich noch im Mutterleib untersuchen lassen und bei einer solchen Erbkrankheit abtreiben lassen.

Nicht möglich wäre in Österreich aber eine künstliche Befruchtung mit Untersuchung des Embryos nach Erbkrankheiten, bevor er in die Gebärmutter verpflanzt wird, denn die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) ist hierzulande verboten.

Es sei ethisch sehr bedenklich, dass eine Untersuchung des Embryos während der Schwangerschaft mit einem möglichen Spätabbruch in Österreich erlaubt ist, Untersuchungen vor der Einpflanzung aber untersagt sind, meint Peter Kampits, Medizinethiker an der Universität Wien und der Donau-Uni Krems. "Man kann den Eindruck bekommen, dass der Embryo im Reagenzglas durch die derzeitige Gesetzeslage besser geschützt ist als der im Körper der Frau heranwachsende", sagte er.

Aus medizinethischer Sicht wird der Embryo und später der Fötus immer schützenswerter, je länger die Schwangerschaft besteht, so Barbara Maier, Frauenärztin und Geburtshelferin am Wiener Hanusch-Krankenhaus. Bei PID gäbe es noch gar keine "intrauterine Schwangerschaft".

"Hier wird normalerweise eine Zelle eines frühen Embryos im Reagenzglas untersucht, während bei der Pränataldiagnostik im Mutterleib zumeist schon ein Embryo mit Herzaktion sichtbar ist", erklärt sie. Egal, ob man vor oder während einer Schwangerschaft untersucht, die Konsequenz, eine Schwangerschaft nach genetischer Abklärung nicht fortzusetzen, sei auch eine Reflexion auf Menschen mit durch solche Erbanlagen verursachten Behinderungen, so Maier.

"Gerade für Frauenärztinnen ist es unglaublich schwierig zu klären, in welchen Fällen dies möglich sein soll." Als Ärztin sei sie dem einzelnen Paar verpflichtet und habe ernst zu nehmen, ob dieses sich zutraut, ein Kind mit Behinderung zu versorgen. Doch gesellschaftlich bekäme eine solche Entscheidung eine ganz andere Dimension. "Ich bin ganz eindeutig für die autonome Entscheidung der einzelnen Paare, weil die Gesellschaft leider nicht so solidarisch ist, dass sie ihnen ausreichend Unterstützung anbietet, um mit einem behinderten Kind zu leben." Wer nicht die nötigen Hilfestellungen übernimmt, solle den einzelnen Paaren ihre individuellen Entscheidungen nicht verbieten dürfen.

"Die Gesellschaft ist leider nicht so solidarisch, dass sie Eltern ausreichend Unterstützung anbietet, um mit einem behinderten Kind zu leben. "Barbara Maier, Frauenärztin und Geburtshelferin, Hanusch-Krankenhaus, Wien

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