Sexualmedizin

Wir haben den Sex abgeschafft!

Die sexuell revolutionierte Gesellschaft verpflichtet uns geradezu dazu, Geschlechtsverkehr zu haben. Es gibt aber immer mehr Menschen, die darauf keinen Wert legen

BARBARA DURAS | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Fortpflanzung ist kein Kriterium für Sexualität. Wir wissen aus Studien, dass nur vier Prozent der Paare Sex haben, um sich fortzupflanzen", erklärt der Sexualmediziner Georg Pfau. Sex kann man aus den verschiedensten Gründen haben. Der Mensch ist ein sexuelles Wesen und kann sich dem nicht entziehen.

Dennoch gibt es seit einigen Jahren eine schnell wachsende Gemeinschaft von Menschen, die sich als asexuell verstehen. Eine Anlaufstelle für Menschen, die kein Verlangen nach sexueller Interaktion haben, ist die Online-Plattform AVEN (Asexual Visibility and Education Network).

Dort wird ein Asexueller wie folgt definiert: "Man ist asexuell, wenn man sich selbst so sieht." Für den Experten Pfau wird Sexualität im weitesten Sinn als "intimes Zusammensein" definiert. "Wir reduzieren also nicht auf den reinen Geschlechtsverkehr. Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, haben häufig trotzdem den Wunsch nach intimen Beziehungen, wo auch Zärtlichkeiten und Berührungen ausgetauscht werden. Sexuelle Zufriedenheit muss jedes Paar für sich selbst definieren", meint er.

Für die Sexualtherapeutin Claudia Wille ist jegliches Nichtvorhandensein von Lust auf jemand anderen ein sekundäres, im Lauf des Lebens entstandenes Symptom.

"Schlechte Erfahrungen, Enttäuschungen und Verletzungen, die in wichtigen Beziehungen passiert sind, können bewusst oder unbewusst dazu führen, dass unangenehme Gefühle abgewehrt werden. Sexualität kann das Maximum an Intimität darstellen - und da sehe ich Asexualität als wunderbaren Abwehrmechanismus. Noch besser ist es jedoch, man setzt sich mit den Gründen auseinander."

Asexuelle Menschen müssen sich häufig dafür rechtfertigen, etwas, nämlich Sex, nicht zu wollen. "Ein großer Wunsch dieser Menschen ist, dass ihre Form des Lifestyles anerkannt wird", sagt Georg Pfau.

Und Wille ergänzt: "Asexuelle Menschen tun sich zusammen. Sie wollen nicht ins Eck gestellt werden und schon gar nicht hören, dass sie krank sind, nur weil sie keinen Sex wollen. Aber trotzdem bedeutet das etwas und manchmal dauert es länger, bis man draufkommt, wo eine Blockade sitzt und ich mir selbst nicht erlaube, Lust zu haben."

Das Ziel jeder Sexualtherapie ist die individuelle sexuelle Zufriedenheit. "Dabei spielt die richtige Partnerwahl eine große Rolle. Über das Internet können Menschen mit außergewöhnlichen (legalen) Vorstellungen zusammenfinden", sagt der Sexualmediziner Pfau.

"Wenn ein asexuell gestaltetes Beziehungsleben für beide passt und sich zwei Menschen darauf einigen, kann das sehr befriedigend sein. Wir müssen uns nicht von der Gesellschaft in etwas hinein stoßen lassen", ergänzt Claudia Wille.

Bemerkenswerterweise hegen sogar Paare, die sich selbst als asexuell verstehen und auch so leben, häufig einen Kinderwunsch, weiß Pfau.

"Die durchschnittliche Frau weiß, wie sie ein Kind machen kann, ohne penetriert zu werden. Für Paare, die keinen penetrierenden Geschlechtsverkehr haben wollen, sind die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung jedenfalls eine Option."

Auch Claudia Wille hat Erfahrung damit. "In der Therapie helfe ich dabei, individuelle Lösungen zu finden, die bei dem Wunsch nach Familiengründung in diesen Fällen auch eine künstliche Befruchtung sein kann."

Links zum Thema Asexualität:

www.sexualmedizin-linz.at

www.sexmanagement.at

www.aven-forum.de

www.asexuality.org

"Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, haben häufig trotzdem den Wunsch nach intimen Beziehungen." Georg Pfau, Sexualmediziner

"Wenn ein asexuelles Beziehungsleben für beide passt, kann das sehr befriedigend sein." Claudia Wille, Sexualtherapeutin

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