Was am Ende bleibt

Wer kennt die Kriegsgegner?

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Die Welt war globalisiert und die Beschleunigung aller Lebensbereiche, von der mechanisierten Arbeit bis zu den Massenmedien, im Gang. Bis heute transportieren die Bilder von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihren Schrecken. Wie aber verhält es sich jenseits aller historischen Essayistik über die Jahre 1914 bis 1918 mit dem Schauplatz selbst, der sich über zwei Weltkriege hinweg in ein vereinigtes Europa verwandelt hat?

Es lohnt sich, an eine der erstaunlichsten Erfahrungen jener Zeit zu erinnern: das Zerreißen aller übernationalen Verbindungen durch den Krieg. Arbeiterparteien, die eben noch internationale Solidarität propagiert hatten und Großteile des europäisch integrierten Kultur-und Geisteslebens regredierten zum Patriotismus. Der berühmteste Philosoph seiner Zeit, Henry Bergson, feuerte aus Frankreichs akademischem Schützengraben: "Der begonnene Kampf gegen Deutschland ist der eigentliche Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei."

Jenseits des Rheins traten honorige Professoren zur "geistigen Mobilmachung" gegen das britische "War Propaganda Bureau" unter der Leitung des späteren Krimiautors Edgar Wallace an. Für die 200 Journalisten und Schriftsteller sowie 350 Kriegsmaler, die im Wiener Kriegspressequartier unterschlüpften, hatte Karl Kraus nur Spott übrig: "Es ist ein Glück, dass noch keiner dieser stillen Helden des Wortes, die bis zur letzten Romanfortsetzung auf ihrem Posten ausharren, in den Papierkorb gefallen ist."

Wie, fragt man sich, wäre die Lage im vereinten Europa in einer vergleichbaren Situation? Wer würde sich Pazifisten wie dem britischen Philosophen Bertrand Russel oder dem französischen sozialistischen Romancier Henry Barbusse anschließen? Chauvinismus à la Gerhart Hauptman oder Leon Daudet mögen heute ausgedient haben -warum aber empfinden europäische Intellektuelle bei Ernst Jüngers national verbrämter Verherrlichung des "Kampfes als innerem Erlebnis" noch immer Nervenkitzel? Wegen der jahrzehntelangen Tabuisierung?

Warum erregt der Geschwindigkeitsrausch des italienischen Futuristen Marinetti noch immer Ästheten? "Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt."

Preisfrage für alle Bewunderer Kakaniens: Wer kann mehr als einen Kriegsgegner von 1914 nennen?

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