Forschen als Freizeitvergnügen

In Ottakring, am Volkert-und beim Schwendermarkt lockte ein Wissens°Raum zur Bildung

SONJA BURGER | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Wer kennt diese Situation nicht? Man gibt die falsche Antwort. Man weiß nichts oder zu wenig. Angst und Scham begleiten viele vom ersten Schultag bis zur Pensionierung.

Richtige Antworten und abrufbares Wissen stehen oft im Vordergrund. Doch verläuft der Weg zur Lösung nicht gerade in der Forschung alles andere als linear und ist gepflastert mit Irrtümern und Fehlern? In Zeiten, in denen Wissenschaft und Technik immer öfter in den Alltag wirken, sollte nicht darauf vergessen werden. In der Realität und trotz aller Vermittlungseuphorie sieht sich jedoch nach wie vor der Unwissende oft einem Wissenden gegenüber.

Wissens°Raum in Ottakring

"Wissen wird meist eindimensional vermittelt. Der Wissende, meist ein Erwachsener, erklärt dem Kind oder Jugendlichen die Welt", sagt Barbara Streicher, Geschäftsführerin des Vereins "ScienceCenter-Netzwerk".

Der Verein, der im Jahr 2005 gegründet wurde, macht Wissenschaft und Technik für Laien begreifbar. Besonderes Augenmerk legt man darauf, junge Menschen, die keinen Zugang zu Wissenschaft haben, dafür zu interessieren.

Dabei hat sich eine spezielle Vermittlungsform namens "Wissens°Raum" in ihrer Pilotphase bereits bewährt. Im Vorjahr wurde an drei öffentlich zugänglichen Standorten in Wien für je vier Wochen in einem leerstehenden Geschäftslokal ein Wissens°Raum eingerichtet: Der erste auf der Ottakringer Straße, der zweite am Volkertmarkt und der dritte im Volkshochschulhaus in der Schwendergasse. Die Idee: Junge Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, Themen aus Wissenschaft und Technik in ihrem Grätzel zu "begegnen".

Was ist nun das Besondere am Wissens°Raum?

Wer in der Schwendergasse 30, dem dritten "Wissens°Raum", die Türschwelle übertrat, fühlte sich wie in einer Werkstatt. In allen Ecken warteten Versuche darauf, ausprobiert zu werden. Kinder, Jugendliche und Erwachsene experimentierten oder stellten Fragen.

Alter oder Vorwissen spielten hier keine Rolle. Jeder war willkommen, durfte neugierig sein -und niemand musste sich dafür schämen, etwas nicht zu wissen. Fertige Antworten wurden nicht geliefert. Das heißt: Man stand vor einer Versuchsanordnung und verstand zunächst vielleicht einfach nur Bahnhof. Wichtig war nicht die eine, vermeintlich richtige Lösung, sondern der Weg zu einer der vielen möglichen Lösungen. Da konnte es recht laut und lustig zugehen.

Von Angst oder Scham war bei den Kindern und Jugendlichen im Wissens°Raum jedenfalls nichts zu bemerken. Ganz auf sich allein gestellt war man freilich auch dort nicht. Es gab nämlich "Explainer". Das waren meist Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Oder Menschen wie die 24-jährige Agnes Distelbauer, die sowohl künstlerisch als auch sozial aktiv ist. "Wir geben den Kindern und Jugendlichen Zeit und Raum, um sich mit dem, was sie interessiert, intensiv zu beschäftigen. Dazu stellen wir Fragen und begleiten sie auf ihrem eigenen Erkenntnisweg", erzählt sie von ihrer Tätigkeit. Für sie steht fest: Die eine, richtige Lösung gibt es nicht. Wichtiger sei der Prozess, mit dem man sich Wissen aneignet und die Fragen, die dabei entstehen.

Manchmal dauern solche Forschungsprozesse auch etwas länger. "Bildung ist ein Sickerprozess. Manche Besucher nutzten die Möglichkeit, öfter zu kommen und wurden zu Stammpublikum", sagt die Projektleiterin Heidrun Schulze. Speziell beim zweiten Wissens°Raum am Volkertplatz machten Jugendliche mit Problemen, sich auf Versuche zu konzentrieren, eine positive Entwicklung durch. In diesem Umfeld hatten sie einfach genügend Zeit und auch Lust darauf. Das Publikum bestand vorwiegend aus Migrantenkindern, wofür schon die Standortwahl sorgte. Ganz bewusst begab man sich möglichst nahe zum Alltagsgeschehen von sogenannten bildungsfernen Menschen.

Erwachsene taten sich allerdings mit dem Wissens°Raum etwas schwer, wie die Erfahrungen zeigten. "Viele unterstützten zu stark und wollten die Welt erklären. Gleichzeitig hielten sie es kaum aus, etwas nicht zu wissen", zieht Schulze Bilanz.

Die Zukunft des Wissens°Raums

Die Einbeziehung von Wissenschaftern aus dem jeweiligen Bezirk war eine Idee, die aus Sicht der Projektverantwortlichen nicht aufging. Die Kinder und Jugendlichen sollten Wissenschafter hautnah erleben und realisieren, dass sie Menschen sind und vielleicht sogar ums Eck wohnen.

"Alles lief sehr unverbindlich ab, weshalb es schwierig war, mit den Forschern etwas zu planen. Niemand konnte sagen, wie viele Besucher tatsächlich kommen würden", erklärt Schulze.

Neue Ideen für den Wissens°Raum sind schon ausgearbeitet. Etwa die, das Stammpublikum in Zukunft stärker einzubeziehen und zu fragen, wofür sie sich konkret interessieren - eine Art "Wissenschaft on demand". Diese Offenheit und Flexibilität heben den Wissens°Raum von anderen Angeboten der Wissenschaftsvermittlung ab. Er ermutigt selbst jene, denen sonst kein Zugang zu Wissenschaft offen steht.

"Manche Besucher nutzten die Möglichkeit, öfter zu kommen und wurden zu Stammpublikum." Heidrun Schulze, Wissens°Raum

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