Schluss mit Sex?

In Österreich gilt eine der strengsten Regulierungen bezüglich Gentechnik und Reproduktionsmedizin. Lässt sie sich halten?

WERNER STURMBERGER | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Schlechte Nachrichten für Fans von Reality-Shows à la "Teenager werden Mütter": Sexualität und Fortpflanzung gehen getrennte Wege. Die Befruchtung findet nur mehr in der Retorte statt. "In zwanzig bis vierzig Jahren, zumindest in der entwickelten Welt, werden die meisten Babys mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt werden, damit ihre Eltern zwischen unterschiedlichen Embryonen wählen können", erklärte zu Beginn des Jahres Hank Greely, Professor an der Stanford Law School. Eltern könnten so sicherstellen, dass ihr Nachwuchs eine gewünschte Genkombination mit auf den Lebensweg bekommt. Krankheiten, vor allem jene, die durch ein einziges Gen ausgelöst werden, können ausgeschlossen werden.

Gen-Abgleich für Spender von Ei und Samen

Die Zukunft soll noch mehr bringen: Greely glaubt, dass die Entschlüsselung des Genoms so weit kommt, dass sich damit auch Wahrscheinlichkeitsaussagen über bestimmte Begabungen treffen lassen. Passend dazu hat der US-amerikanische Genanalysedienst "23andMe" im Oktober 2013 in den USA ein Patent für eine auf Gendiagnostik basierende Auswahl von Samenspender oder Eizellenspenderinnen erhalten.

Dass Samenbanken Aufschluss über die Charakteristika ihrer Spender geben, ist nicht neu. Das von "23andMe" patentierte Service geht aber darüber hinaus: Die DNA von Männern und Frauen wird in Beziehung gesetzt, um Prognosen über potenzielle gesundheitliche Risiken, aber auch Charaktermerkmale zu erstellen. Das Unternehmen räumt freilich ein, dass die Prognose schwammig ist, da sich diese Anlagen erst in einem komplexen Zusammenspiel mit der Umwelt entwickeln. Viele ExpertInnen glauben, dass das auch so bleiben wird.

Lauter Albert Einsteins und Stephen Hawkings?

Aber es gibt auch andere. BGI, das Beijing Genomics Institute, versucht mit seinem Cognitive Genomics Projekt der genetischen Basis menschlicher Intelligenz auf die Spur zu kommen. Stephen Hsu, Mitarbeiter des Projekts und Vizepräsident für Forschung an der Michigan State University, kann sich sogar vorstellen, dass es nicht nur beim Entschlüsseln dessen bleibt, was den Unterschied zwischen "Albert Einstein und Es-nicht-aufs-College-schaffen" oder zwischen "Stephen Hawking und einem durchschnittlichen Menschen" ausmacht.

"Wäre es nicht erstaunlich, wenn man mit gewissen Optimierungen in utero die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns verbessern könnte?", fragt Hsu im New Yorker über die Möglichkeit, menschliche Intelligenz durch geringe Manipulationen zu verbessern.

Dass Hsu gerade den Physiker Stephen Hawking in seinem Beispiel verwendet, wirkt paradox. Hawking leidet an Amyotropher Lateralsklerose, einer degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems. Sie wird mit Mutationen in verschiedenen Genen in Zusammenhang gebracht. Ob ein Embryo mit diesen Mutationen in einem Szenario, wie es Hsu beschreibt, überhaupt transplantiert werden würde, ist fraglich. Wahrscheinlich hätte Hsu gar keinen Vergleich mit Hawking anstellen können, weil der nicht geboren worden wäre.

Zu arm, um sich optimalen Nachwuchs zu kaufen

Dass die menschliche Fortpflanzung zukünftig nur mehr mittels IVF und Präimplantationsdiagnostik (PID) praktiziert werden wird, hält Uta Wagenmann, Expertin für Gentechnik und Medizin des Genethischen Netzwerks, einer Nichtregierungsorganisation, die sich seit fast dreißig Jahren kritisch mit Biopolitik und Gentechnik beschäftigt, für eine "alberne Fantasie".

"Das ist eine zutiefst bürgerliche Vorstellung, die vielleicht einen Teil der besser gestellten Mittelschicht betrifft", sagt Uta Wagenmann. "Wenn so etwas an die Wand gemalt wird, ist das jenseits von dem, wie die Gesellschaft funktioniert. Die Menschen kaufen sich in der Regel keinen Nachwuchs. Abgesehen davon sind viel zu viele dafür einfach zu arm." So werden allein in den USA mehr als vierzig Prozent aller Babys von ledigen Frauen geboren -und diese gehören mehrheitlich zur Unterschicht. Auch die Zahl ungewollter Schwangerschaften legt nahe, dass Fortpflanzung häufig nicht planvoll verläuft.

Trotzdem haben Szenarien, die den Einsatz von Genmanipulation vorsehen, Bedeutung. Die Abgrenzung von extremen Szenarien erlaubt es WissenschafterInnen, sich selbst als verantwortungsvoll und die eigenen Wünsche und Ideen als vernünftig zu präsentieren. Uta Wagenmann hält die Beschäftigung mit diesen Szenarien nicht für vorrangig, da sie nur von der gegenwärtigen Realität der Gendiagnostik ablenke.

Kein Konsens darüber, was menschliches Leben ist

Letztlich regelt die jeweils gültige Gesetzgebung die Praxis der Gendiagnostik. Sie ist immer auch Ausdruck gängiger kultureller und religiöser Überzeugungen. "Alle Weltreligionen unterscheiden sich ganz grundsätzlich, wenn es um die Frage geht, wann schützenswertes, menschliches Leben beginnt. Dies hat enorme Auswirkungen auf die internationale Diskussion rund um PID oder embryonale Stammzellenforschung", sagt Markus Hengstschläger, stellvertretender Vorsitzender der Bioethikkommission und Professor für medizinische Genetik an der MedUni Wien. "Die meisten Weltreligionen haben damit kein Problem. Andere, wie etwa auch die katholische Kirche, schon."

In der Debatte um die Regulierung von Forschung und Anwendung verweisen ForscherInnen immer wieder auf China und den asiatischen Raum. Hier herrschen sehr liberale Gesetze. "Im Buddhismus und Hinduismus wird die Frage nach dem Individuum, nach dem Personsein und der Einmaligkeit des Menschen so gar nicht gestellt", erklärt Matthias Beck, Professor für Theologische Ethik an der Universität Wien.

Doch auch die monotheistischen Religionen weisen erhebliche Unterschiede auf. Eine Frage, die vor allem die Stammzellenforschung berührt, ist jene nach dem Zeitpunkt der Menschwerdung des Embryos. Beck erklärt, dass Judentum und Islam weitgehend der aristotelischen Beseelungslehre folgen und daher sehr liberale Positionen einnehmen.

Der Theorie der Sukzessivbeseelung folgend, würde sich der Mensch in Stadien entwickeln: Der Embryo habe zuerst eine Pflanzen-,dann eine empfindungsfähige Tier-und schlussendlich eine vernunftbegabte Menschenseele. Männliche Embryonen würden die Menschenseele 40, weibliche 90 Tage nach der Empfängnis erhalten. "Das ist eine alte Philosophie, die auch Thomas von Aquin im Mittelalter übernahm. Die Christen haben das mittlerweile korrigiert. Sie sagen, von Anfang an entwickelt sich der Mensch als Mensch und nicht erst ,zum' Menschen", erklärt Beck.

Der Vergleich zwischen den USA und Deutschland

Die Soziologen Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin und Mike S. Schäfer von der Universität Zürich erstellten eine Studie zur öffentlichen Debatte über die Humangenomforschung in Deutschland und den USA. In der deutschen Debatte fällt die Befürwortung dieses Forschungszweigs schwächer aus als in den USA, und sie wird kritischer gesehen. In beiden Ländern dominieren wissenschaftliche und medizinische Betrachtungsweisen die Debatte. Unterschiede gibt es in der Gewichtung der Blickwinkel: In den USA werden neben wissenschaftlichen Aspekten auch ökonomische stärker betont. In Deutschland sind dagegen politische, ethische und moralische Deutungen präsenter. In den angelsächsischen Ländern gelten trotz christlicher Traditionen lockere Regelungen.

Neben philosophischen oder religiösen Überzeugungen sind auch historische Erfahrungen von Bedeutung. "Während in den USA eine sehr liberale Vorstellung vorherrscht, gibt es in Deutschland einen kritischen Diskurs rund um die Medizin, der sehr stark von der nationalsozialistischen Vergangenheit und den Erfahrungen mit Eugenik und Euthanasie bestimmt ist", sagt Uta Wagenmann. "Diese Kritik wurde öffentlich und auch innerhalb der Medizin erst wirklich wahr-und ernstgenommen, als sich das Aufkommen gendiagnostischer und reproduktionsmedizinischer Technologien abzeichnete. Deren Beschränkung war deshalb damals absolut gesellschaftskonform, was sich seit etwa drei Jahren aber deutlich ändert."

In Österreich ist alles etwas rückständiger

Zu dieser Zeit machte man auch in Deutschland einen Schritt in Richtung Liberalisierung: Ein Gerichtsurteil in Folge der Selbstanzeige eines Arztes führte zur Aufweichung des Verbots von PID. Diese ist nun in Ausnahmefällen gestattet. Uta Wagenmann ist skeptisch, ob es tatsächlich bei Ausnahmefällen, die ohnehin breit definiert seien, bleiben wird. PID ist grundsätzlich verboten.

Es gibt aber gendiagnostische Untersuchungen, die bereits jetzt durchgeführt werden dürfen. Im "Neugeborenenscreening" werden Kinder auf die monogenetische Erkrankung Phenylketonurie untersucht. Mit einer entsprechenden Diät können Betroffene einer späteren Erkrankung entgegenwirken. Bei den vorgeburtlichen Tests gibt es dagegen keine Therapiemöglichkeiten. Dazu zählen die Polkörperanalyse, also die genetische Diagnose der Eizelle im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation. Beeinträchtigte Eizellen werden von der IVF ausgeschlossen. Auch die DNA des Embryos wird getestet. Diese kann bereits binnen der ersten drei Schwangerschaftsmonate aus dem Blut der Mutter extrahiert werden, um im Anschluss auf Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom, aber auch andere chromosomale Veränderungen untersucht zu werden. Das führt oft dazu, dass Kinder mit Beeinträchtigungen gar nicht erst zur Welt kommen.

Österreich braucht dringend Reformen

"Aus meiner Sicht entspricht die österreichische Situation nicht mehr dem aktuellen Stand der Wissenschaft", sagt der Genetiker Markus Hengstschläger. "Das hiesige Fortpflanzungsmedizingesetz gehört unbedingt und dringend reformiert. Wir haben auch vonseiten der Bioethikkommission dazu bereits eine entsprechende Empfehlung erarbeitet." Die gängigsten Argumente für die Legalisierung von PID sind die medizinischen Vorteile: Durch den Ausschluss von Embryonen mit Gendefekten könnten Schwangerschaftsabbrüche in genetisch vorbelasteten Familien vermieden werden und die Erfolgsrate der künstlichen Befruchtung erhöht werden. Für die Patientinnen bedeutet dies eine Minimierung von Fehlschlägen und weniger Stress. Außerdem möchte man der Nachfrage von Patientinnen entsprechen.

Der Bedarf an reproduktionsmedizinischen Leistungen wird künftig aufgrund der mit zunehmendem Alter sinkenden Fruchtbarkeit wohl weiter wachsen. Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden stieg zwischen 1991 und 2012 um fast vier Jahre an und liegt nun bei knapp 29 Jahren. "Im Moment, wo gewisse Techniken in den Nachbarländern, nicht aber in Österreich möglich sind, ist eine Ungleichbehandlung gegeben, da nur Besserverdienende ins Ausland reisen können, um diese zu nützen", sagt Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission des Bundeskanzlers und Vizerektorin der MedUni Wien. "Dies entspricht nicht dem Prinzip der Gerechtigkeit."

Forderung nach dem Schutz ungeborenen Lebens

Der Theologe Matthias Beck sieht durch die Gentechnik den, wie er sagt, "Dreiklang der Medizin: Diagnose-Therapie-Prophylaxe" durchbrochen: "Die Trisomie-21-Kinder werden durch eine einzige Blutabnahme herausgefischt, wenn man so sagen will, und dann in 95 Prozent aller Fälle einer Abtreibung zugeführt. Wir stellen eine Diagnose, haben aber kaum eine Therapie. Auf viele Diagnosen folgt einfach eine Abtreibung."

Die Zulassung von PID für genetisch gefährdete Paare würde diese Situation noch verschärfen. Dabei sei eine genetische Disposition alles andere als eine Garantie für eine spätere Krankheit. Mittels IVF würden nun Embryonen hergestellt und mittels PID auf genetische Schäden untersucht. "Wenn ein Embryo einen Gendefekt hat, wird er weggeworfen, wenn er diesen nicht hat, wird er eingepflanzt", so Beck. Mit dem Schutz ungeborenen Lebens -und dieses beginnt für ihn bereits bei der Zeugung, auch bei jener im Glas -ist das nicht vereinbar.

Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind

Auch Uta Wagenmann kritisiert den selektiven Charakter von PID, folgt aber einer anderen Argumentation: "Es gibt ein Recht auf Abtreibung. Es gibt auch ein Recht auf Kinder, aber es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind."

Im Rahmen der Schwangerenvorsorge werden immer mehr Untersuchungen durchgeführt. Sobald einer dieser Tests eine Abweichung markiert, geraten Eltern und vor allem Frauen unter Entscheidungsdruck. "Es wird nach bestimmten Eigenschaften des Embryos und des werdenden Kindes gefahndet. Im Zusammenspiel von Technik, Verunsicherung der Eltern und der allgemeinen Aversion gegen alles, was nicht voll leistungsfähig und voll passend ist, findet letztlich eine Selektion statt", sagt sie. Die Angst vor Behinderung, die unserer Gesellschaft ohnedies innewohne, würde in Krisenzeiten noch weiter steigen -ebenso wie die Tendenz, Nachwuchs als Humankapital zu betrachten.

Gibt es "verantwortungsvollen" Gentechnikeinsatz?

Ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Reproduktionstechnologien ist für Wagenmann in einem gesellschaftlichen Kontext, der auf Wachstum, Konkurrenz und Markt ausgerichtet ist, unwahrscheinlich. "Weil es immer Partikularinteressen und ökonomische Interessen gibt und es darum geht, Dinge zu entwickeln, sie zu verkaufen und in Umlauf zu bringen, halte ich ,Verantwortung' für einen Nebenschauplatz", meint sie. Technik entstehe in solchem Kontext und bleibe einem Wachstumsdiktat unterworfen. Hinter der Befürwortung von PID stünden eben auch ökonomische Interessen. Gerade reproduktionsmedizinische Kliniken zielen auf hohe Erfolgsraten.

Für einen verantwortungsvollen Umgang "müssten sich sehr viele Punkte ändern, die nur mittelbar mit Gentechnologie zu tun haben: das Bild von Behinderung, die Vorstellung von einem gelungenen Leben, die Fokussierung der Gesellschaft auf Leistungsfähigkeit und Effektivität", sagt Wagenmann.

Keine Aussicht auf eine intensive öffentliche Debatte

Alle GesprächspartnerInnen wünschen sich eine intensivere öffentliche Debatte. Gegenwärtig scheint sie nicht möglich: So wurde anhand des Nachrichtenmagazins Der Spiegel analysiert, dass Medizin schon jetzt die Wissenschaftsberichterstattung dominiert. Mehr Gentechnikberichterstattung ist nicht möglich, ohne die Menge des Wissenschaftsjournalismus auszuweiten - und das ist mehr als unwahrscheinlich. Außerdem belegen Studien, dass WissenschaftsjournalistInnen dazu übergehen, nicht mehr umfassend zu informieren, sondern den individuellen Nutzen medizinischer Anwendungen in den Fokus zu rücken. Obgleich ethische und moralische Betrachtungen in der Berichterstattung zunehmen, handelt es sich vorwiegend um eine Nutzendiskussion.

Eine Diversifikation der Debatte würde daher voraussetzen, die gesellschaftliche Situation in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Wahrscheinlicher ist es, dass sich Gentechnik und Reproduktionsmedizin durch das ständig steigende Einkommensgefälle von selbst regelt. Kurz: Wer Geld hat, kauft das perfekte Kind aus der Retorte. Die übrigen dürfen weiter Sex und ungewollte Schwangerschaften haben.

Christiane Druml, Vizerektorin der MedUni Wien: "Im Moment, wo gewisse Techniken in den Nachbarländern, nicht aber in Österreich möglich sind, ist eine Ungleichbehandlung gegeben."

Matthias Beck, Theologe, Uni Wien: "Wenn ein Embryo einen Gendefekt hat, wird er weggeworfen, wenn er diesen nicht hat, wird er eingepflanzt."

Markus Hengstschläger, Genetiker, MedUni Wien: "Alle Weltreligionen unterscheiden sich ganz grundsätzlich, wenn es um die Frage geht, wann schützenswertes, menschliches Leben beginnt."

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