Systemwissenschaft

Steckt in Ihren neuen Sommerhosen verbotene Kinderarbeit?

Eine neue Datenplattform will Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeitskriterien nachvollziehbar darstellen

SONJA BURGER | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

War bei der Herstellung eines Handys Kinderarbeit im Spiel? Oder schuften Arbeiter in einem Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie unter schlechten Arbeitsbedingungen?

Wer von Unternehmerseite auf solche oder ähnliche Fragen sozialer Nachhaltigkeit nach klaren Antworten sucht, steht derzeit auf verlorenem Posten. Denn die Probleme rund um mehr Transparenz bei sozialen und auch ökologischen Nachhaltigkeitskriterien sind vielschichtig. Neuerdings gibt es jedoch erste Lösungsansätze.

Die Wertschöpfungsketten in der Elektronik-und Automobilbranche sind stark ausdifferenziert und erstrecken sich über den ganzen Erdball. "In beiden Branchen findet nur mehr ein relativ geringer prozentueller Anteil der Produktion direkt beim Hersteller statt", erklärt Rupert Baumgartner, Leiter des Instituts für Systemwissenschaften, Innovations-und Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Graz. Umso wichtiger ist der Informationsaustausch zwischen Hersteller und Zulieferer.

Handelt es sich um technische oder logistische Daten, ist der Datenaustausch teils bereits etabliert. Ein Beispiel dafür sei laut Stefan Petrus Salhofer vom Institut für Abfallwirtschaft an der BOKU das Internationale MaterialDatenSystem der Automobilbranche. "Damit erfährt der Hersteller, ob ein Bauteil etwa Blei enthält", fasst der Experte zusammen. Doch woher soll eine Firma wissen, ob etwa bei der Produktion eines Bauteils ökologische und soziale Kriterien erfüllt werden?

Um diese Lücke zu schließen, wird im Rahmen des europäischen Kooperationsprojekts "SustainHub" eine Datenplattform für den Austausch ökologischer und sozialer Daten zwischen Unternehmen entwickelt. Einer der fünfzehn Partner ist die Universität Graz.

Rupert Baumgartner leitet dort das Institut für Systemwissenschaften, Innovations-und Nachhaltigkeitsforschung. Sein Team befasst sich mit der Frage, welche Nachhaltigkeitsthemen in welcher Weise in Datenbanken integriert und gemessen werden können. Aus der umfassenden Recherche, die auch die unternehmerische und zivilgesellschaftliche Perspektive einbezog, kristallisierten sich 70 Nachhaltigkeitskriterien heraus. Davon beziehen sich 40 Prozent auf ökologische und je 30 Prozent auf soziale Kriterien beziehungsweise die Einhaltung von Rechtsvorschriften. Wie würde das am Beispiel Kinderarbeit konkret aussehen?

"Wir fragen Compliance-und Performance-Indikatoren ab: Gibt es eine Firmenpolitik, die Kinderarbeit verbietet und gab es je Strafen?", erklärt Baumgartner. Würden Widersprüche auftauchen, sollte es das System aufzeigen. Weiters wird ein "Eco-Scout" entwickelt. Damit lasse sich das Internet etwa nach Dokumenten zu Kinderarbeit bei Mobiltelefonen in Südostasien selbstständig durchsuchen.

Vom Informationsaustausch via Datenbank sollten dem Experten zufolge bei gelungener Implementierung sowohl die Hersteller als auch die Zulieferer profitieren und die Transparenz globaler Wertschöpfungsketten verbessert werden.

"Oft findet nur mehr ein relativ geringer prozentueller Anteil der Produktion direkt beim Hersteller statt." Rupert Baumgartner, Uni Graz

"Bei technischen Daten ist der Datenaustausch etwa in der Automobilbranche bereits etabliert." Stefan Petrus Salhofer, BOKU Wien

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