Damenbart? Bitte ernst nehmen!

Unerwünschter Haarwuchs oder Haarausfall bei Frauen können Alarmsignale für Unfruchtbarkeit sein

DIETER HÖNIG | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Jede siebte bis zehnte Frau im gebärfähigen Alter ist von unerwünschtem Haarwuchs betroffen. Abgesehen vom optisch-kosmetischen Problem verbirgt sich hinter Hirsutismus (männliche Körperbehaarung bei Frauen) nicht selten eine tiefgreifende gesundheitliche Störung: Haarwuchs an den falschen Stellen, Menstruationsstörungen, unerfüllter Kinderwunsch, oft kombiniert mit Übergewicht und unreiner Haut können auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen sein.

Was sich hinter einem Bart verbirgt

"Bevor man eine In-vitro-Fertilisation andenkt, sollte immer zuerst auf das sogenannte polyzistische Ovarsyndrom, kurz PCOS untersucht werden", erklärt Wilfried Feichtinger. Der Leiter des Wunschbaby-Zentrums war vor knapp 33 Jahren der erste Österreicher, mit dessen Hilfe ein Retortenbaby geboren wurde. Heute ist Österreichs erstes Retortenbaby mittlerweile 32 Jahre alt.

PCOS ist eine komplexe hormonelle Störung, die zu vielen kleinen Eierstockzysten, zu einem unregelmäßigen Monatszyklus und zu Unfruchtbarkeit führt. "Neben unerwünschtem Haarwuchs kann auch ,männlicher' Haarausfall am Kopf sowie Akne äußeres Anzeichen dafür sein, dass der Hormonhaushalt gestört ist", erklärt der Wiener Gynäkologe Martin Ulm, Professor an der MedUni Wien. Erste Abklärung bringt eine einfache Ultraschalluntersuchung.

Tatsächlich finden sich dabei bei rund zwei Drittel aller Betroffenen kleine Eierstockzysten, womit die Diagnose PCOS naheliegt.

Parallel dazu muss auch der Hormonhaushalt inklusive Schilddrüsenhormone genau überprüft werden. Denn zu 90 Prozent liegen die Ursachen für übermäßige Behaarung in der erblichen Veranlagung: Der weibliche Körper reagiert dann entweder überempfindlich auf die ganz normal produzierte Menge an männlichen Hormonen (vor allem auf Testosteron), oder es liegt eine Störung in den für die Hormonproduktion zuständigen Regelkreisen im Gehirn vor.

Wie man das Problem behandelt

PCOS ist heute gut behandelbar. Die Therapie zielt auf eine Wiederherstellung eines normalen Hormonstoffwechsels ab.

"Das gelingt, indem man die Behandlung darauf ausrichtet, die blockierende Wirkung der männlichen Hormone aufzuheben", erklärt Gynäkologe Martin Ulm. Dadurch pendelt sich der Monatszyklus ein, die Empfängnisfähigkeit verbessert sich. Nach und nach verflüchtigt sich auch der unerwünschte Haarwuchs im Gesicht und an anderen Körperstellen.

Übergewicht erhöht die Gefahr

"Bei Frauen ohne Kinderwunsch können auch die Verordnung einer antiandrogen wirksamen Pille sowie Gewichtsreduktion helfen", so Martin Ulm. Denn wie man mittlerweile weiß, tritt PCOS bei übergewichtigen Frauen signifikant häufiger auf als bei Normalgewichtigen. Da Übergewicht sehr oft mit Insulinresistenz, der Vorstufe von Diabetes II, einhergeht, sollte unbedingt auch die Blutzuckertoleranz untersucht werden, um die Behandlung bei Bedarf auch auf ein Vermeiden des Ausbruchs der Zuckerkrankheit auszurichten.

Bei vielen übergewichtigen Patientinnen bekäme man PCOS laut Ulm bereits mit einer Gewichtsreduktion um fünf bis zehn Prozent sowie durch die Gabe von Antidiabetika gut in den Griff. Bei anderen Patientinnen müsse die Behandlung vielschichtiger angelegt werden, um auch die äußeren Anzeichen wie männlichen Haarwuchs sowie Haarausfall am Kopf zum Verschwinden zu bringen.

"Neben unerwünschtem Haarwuchs kann auch ,männlicher' Haarausfall am Kopf sowie Akne äußeres Anzeichen dafür sein, dass der Hormonhaushalt gestört ist." Martin Ulm, Gynäkologe an der MedUni Wien

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