Haidingers Hort der Wissenschaft

Sex in der Hedonei

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Wenn Österreichs bunte Blätter anno haidermals ihre Auflage kurzfristig heben wollten, mussten sie nur den unaussprechlichen, aber dafür umso ansehnlicheren blau-orangen Jörgl auf die Titelseite heben, oder - als immer aktuelle Alternative -irgendeine Schlagzeile wählen, die das Wort "Sex" enthielt. Überschneidungen beider Motive garantierten überhaupt maximalen Erfolg beim Käufer.

Wer nun gedacht hat, dass der Jörg post mortem aus der Kolportage verschwinden würde, hat sich schwer geirrt -da seien die drei Korruptionsnornen "Hypo","Alpe" und "Adria" vor!

Dagegen wird ziemlich sicher der für zeitlos gehaltene "Sex" den konventionellen Medien als Quotenbringer abhanden kommen.

So lautet zumindest meine Privatprophezeiung, die auf einer Offenbarung Arthur Schopenhauers basiert, der im Eindruck seiner eingetretenen Impotenz feststellte, er sei froh, endlich von einer schlimmen Plage erlöst zu sein.

Damit ist dieser Philosoph des 19. Jahrhunderts weit aktueller als der Sexologe Ernest Bornemann, der 1995 nach der Eigenwahrnehmung des gleichen Phänomens frustriert Selbstmord beging.

Denn die Sache mit der Aufregung rund um den Sex ist in der westlichen Welt, die man auch die "Hedonei" nennen könnte, entmythologisiert, entmystifiziert und damit gegessen.

Durch den Boom der einschlägigen Wissenschaft wird er zum schieren Vermehren obsolet, und auch zur Lustbefriedigung taugt er angesichts digitaler Surrogate in seiner analogen Form nur mehr bedingt.

Zum ersten Mal in der langen Karriere der Pornografie auf diesem Planeten ist die Projektion von Sex für Menschen jeden Alters und jederlei Geschlechts rund um die Uhr praktisch gratis online zugänglich. Und Cyber-Erotik aller Abstufungen bringt das Prickeln ganz ohne realen Partner ins Single-Stübchen.

Konventioneller Sex hat nichts mehr Verschwitztes mehr.

Richtig oder falsch?

Gut oder schlecht?

Nichts von alledem. Nur anders als früher halt. Die sexuelle Befreiung des späten 20. und die sexuelle Banalisierung des 21. Jahrhunderts haben außerdem Übergriffe, Missbräuche und Verbrechen auf diesem Gebiet nicht häufiger, sondern nur öffentlich sichtbarer gemacht.

Parallel dazu werden die altmodischen "Sex"-G'schichterln überflüssig und irgendwann aus den Illustrierten verschwunden sein. Wenn auch vielleicht nicht unbedingt vor den Jörgl-Stories

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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