Der Wunsch nach dem perfekten Kind

Präimplantationsdiagnostik und künstliche Befruchtung schaffen in manchen Fällen Gewissheit über das Risiko des Embryos für eine Erkrankung, die auf natürlichem Wege nicht besteht

SIOBHÁN GEETS | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Vincent Freeman hat ein Problem. Der junge Mann ist ein "Gotteskind": Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen wurde er auf natürlichem Wege gezeugt. Seine Gene sind nicht perfekt, Vincent trägt eine Brille und hat einen Herzfehler - laut Ärzten die Ursache für seine niedrige Lebenserwartung.

In Vincents Welt wird in menschlichem Erbgut gelesen wie in einem Buch. Krankheiten und Lebenserwartung, Intelligenz und Talente - all das trägt schon der Embryo in sich. Kinder werden im Reagenzglas gezeugt und nur die "besten Embryos" implantiert. Im Science-Fiction-Film "Gattaca" von 1997, in dem Vincent lebt, spielen Hautfarbe, Geschlecht und soziale Herkunft keine Rolle mehr. Die "genetische Diskriminierung" bestimmt das Leben.

Test an Embryos bei uns verboten

Der österreichische Genetiker Markus Hengstschläger bezeichnet dieses Szenario als "reine Fiktion", als "absolut unmöglich". "Aussehen oder IQ sind so komplex gesteuert, das kann ich nicht über die Gene voraussehen." Andere Dinge sind aber durchaus testbar. Hengstschläger leitet das Institut für Medizinische Genetik an der Med Uni Wien. Dort werden genetisch belastete Familien beraten und genetische Diagnosen auf Erbkrankheiten durchgeführt, auch etwa an Eizellen im Zuge der künstlichen Befruchtung. Voraussetzung: die Familie hat ein hohes Auftretungsrisiko, die Aussagekraft des Tests ist sicher, die Erkrankung ist nicht ausreichend therapierbar und hat einen hohen Schweregrad. Untersuchen darf man in Österreich jedoch nur die Eizellen - Tests am Embryo sind verboten.

Diese sogenannte Präimplantationsdiagnostik am Embryo verbietet Österreich, erlaubt jedoch die Pränataldiagnostik während der Schwangerschaft: "Bei der Pränataldiagnostik kann man mehrere Wege gehen", erklärt Hengstschläger. Bei der Fruchtwasserpunktion bestehe nach wie vor ein geringes Risiko, dass die Frau das Kind verliert. Auch die Chorionzottenbiopsie ist eine invasive Methode. Seit Kurzem gibt es eine nicht-invasive Alternative: "Die Analyse fetaler DNA aus dem Blut der Schwangeren", so Hengstschläger, "die Methode gibt aber bisher nur Auskunft über bestimmte Fragestellungen". Außerdem ändere sie nichts an den Optionen der Eltern: "Wenn es keine kausale Therapie gibt, dann kann sich die Frau nur überlegen, ob sie das Kind trotzdem austragen will oder eben nicht."

Hengstschläger spricht von einer "Schwangerschaft auf Probe" und wünscht sich eine alternative Lösung: "Die Frau soll erst schwanger werden, wenn man weiß, dass das Kind die genetische Erkrankung nicht tragen wird." Also genetische Untersuchungen am Embryo, bevor dieser in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Im Gegensatz zur Polkörper-Analyse, die Auskunft über die Eizelle gibt, sind im Embryo auch die Erbinformationen des Mannes enthalten. In den meisten EU-Ländern ist die Methode erlaubt, nicht in Österreich. "In zwanzig Jahren werden es viel mehr Menschen so machen", prophezeit Hengstschläger. Der Trend werde allgemein ansteigen. Für Familien mit Risiko bedeute das zwar nicht das Ende des Sex, "aber er wird nicht mehr zur Fortpflanzung dienen".

Zum Gentest nach England

Kritiker der PID sprechen von einer "Rasterfahndung nach Behinderungen" und befürchten, dass die Methode zu einem "Qualitätstest" für menschliches Leben wird. In Österreich wird das Thema gar nicht oder nur äußerst emotional diskutiert.

Doch Hengstschläger ist nicht der einzige Befürworter der PID. "Es macht Sinn, die PID für bestimmte Erkrankungen durchzuführen", sagt Christine Mannhalter, Professorin für Molekulare Diagnostik in der klinischen Chemie. Gemeinsam mit Hengstschläger sitzt sie in der Bioethikkommission des Bundeskanzlers. Diese brachte schon vor Jahren eine Stellungnahme heraus, die PID befürwortete. Mannhalter: "Vorausgesetzt, das Verfahren wird in Zentren durchgeführt, die qualitätskontrolliert sind und die nötigen Voraussetzungen mitbringen." Die Politik hat die Stellungnahme zur Kenntnis genommen, geändert hat sich nichts. Paare, die es sich leisten können, gehen ins nahe Ausland, wo die PID erlaubt ist. Mannhalter erzählt vom einem Kollegen, der verzweifelte Paare in ein Labor nach Bratislava schickte.

Auch Labors in England bieten genetische Tests an. Theoretisch kann man aus den Genen auch die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs, Alzheimer oder einer Neigung zum Alkoholismus lesen. "Das darf nicht erlaubt sein, auch, wenn es technisch möglich ist", sagt Mannhalter und weist darauf hin, dass bei solchen Erkrankungen das Umfeld eine weit größere Rolle spiele als mögliche genetische Prädispositionen. Dennoch: Zahlreiche über ganz Europa verstreute Institute listen auf ihren Homepages reihenweise Erbkrankheiten auf, die man testen könnte. Mannhalter: "Außerdem hofft man, die Baby-Take-Home-Rate zu verbessern, indem man früh sieht, ob etwa Chromosomenveränderungen vorliegen."

Die Baby-Take-Home-Rate erhöhen will auch Wilfried Feichtiger. Sein Institut "Wunschbaby" verhilft Frauen durch In-vitro-Fertilisation zur Schwangerschaft. Im Eingangsbereich der Hietzinger Villa, in der sich das Institut befindet, ist viel los. Am Empfang hat sich eine Warteschlange gebildet. Im Nebenraum sitzen hoffnungsvolle Patientinnen, die meisten sind für ihre Hormontherapie oder einen Ultraschall hier. Feichtingers Baby-Take-Home-Rate ist hoch. Drei von vier Frauen werden schwanger, verspricht die Homepage. Dazu werden den Frauen Eizellen entnommen. In der genetischen Abteilung, geleitet von Markus Hengstschläger, werden die Eizellen auf Erbkrankheiten getestet. Gesunde Eizellen werden befruchtet und implantiert, kranke, die gar keine Schwangerschaft auslösen können, werden "verworfen".

Auch Feichtinger ist unzufrieden mit der österreichischen Gesetzgebung und findet, dass PID erlaubt werden sollte. "Designer-Babys zu erschaffen ist reine Fiktion", meint er. "Die Menschen wollen einfach ein gesundes Kind haben. Eigenschaften wie Intelligenz, Talente und Ähnliches sind unmöglich vorherzusagen." Was man jedoch durchaus vorhersagen kann, ist das Geschlecht eines Kindes. Mannhalter warnt davor, weil die Bestimmung des Geschlechts in Ländern wie Indien und China zur massenweisen Abtreibung weiblicher Föten führt. Feichtinger ist, zumindest was Österreich betrifft, dafür. Aber wo liegt dann die Grenze, was soll man alles an Ungeborenen testen dürfen? Wieviel sollen potenzielle Eltern wissen?"Das dürfen Sie mich nicht fragen", meint dazu Feichtinger, "ich sage, die Wissenschaft und die Forschung sind frei, ich bin für gar keine Grenzen".

Genetisch feststellbar sind alle vererblichen Krankheiten, darunter familiär bedingte Schizophrenie. Spielen wir da nicht Gott?"Der Mensch spielt sowieso Gott, in jedem Bereich der Medizin", sagt Feichtinger. Er spricht von einer Verbesserung des Lebens und davon, bestimmte Krankheiten auszuschließen.

Die Suche nach dem Idealkind

Die meisten Behinderungen kann man auch durch PID nicht ausschließen. "Die meisten ,Behinderungen' haben nichts mit Genetik zu tun, und außerdem sind viele genetische Veränderungen nicht vererbt, sie entstehen durch spontane Mutationen ohne familiäre Vorgeschichte", sagt Hengstschläger.

Eine Welt, wie sie der Film "Gattaca" beschreibt, kann sich auch Mannhalter nicht vorstellen. Man könne das menschliche Genom heute zwar entschlüsseln, bei Bedeutung und Auswirkungen der meisten Gene tappe man aber im Dunkeln. Außerdem könnten sich bestimmte Gene gegenseitig verstärken oder ausschalten. "Selbst, wenn man in den kommenden Jahren mehr über die Bedeutung der Gene herausfindet, die externen Faktoren kann man nicht vorhersagen. Wirklich ganz in Ordnung ist keine unserer Zellen. Sind wir je wirklich so weit, alle Daten auswerten zu können, dann werden wir mit dem Problem konfrontiert sein, dass nichts und niemand ideal ist."

Aus mehreren Eizellen wählen zu können ist eines. Was dann in vierzig Jahren daraus geworden ist, wird man nie vorhersagen können. Auch im Film sitzt der genetisch perfekte Mann im Rollstuhl. Und der vermeintlich "minderwertige" Vincent fliegt am Ende ins All.

Christine Mannhalter, Molekular-Diagnostikerin: "Sind wir je wirklich so weit, alle Daten auswerten zu können, dann werden wir mit dem Problem konfrontiert sein, dass nichts und niemand ideal ist."

Wilfried Feichtinger, Wunsch-Baby-Institut: "Ich sage, die Wissenschaft und die Forschung sind frei, ich bin für gar keine Grenzen."

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