Die Überwindung der Berührungsängste

Können Universitäten und Fachhochschulen in der Forschung kooperieren? Klar, meint FH-Rektor Hannes Raffaseder

BARBARA DURAS | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Die Fachhochschule St. Pölten ist eine junge Institution. Sie bietet eine Vielfalt an Ausbildungen mit den Schwerpunkten Medien, Informatik, Verkehr, Gesundheit und Soziales. Hier habe praxisnahe Forschung einen hohen Stellenwert, wie Rektor Hannes Raffaseder sagt: "Wir wollen dynamisch sein, schnell auf Veränderungen reagieren und flexibel bleiben."

Ende 2012 hat der Medienexperte das Rektorat der FH St. Pölten übernommen. Stolz ist der 44-Jährige auf die immer besser funktionierende, disziplinübergreifende Vernetzung. "Das ist uns bei einer Reihe von Forschungsprojekten sehr gut gelungen und es gelingt sukzessive auch immer besser in der Lehre." Transdisziplinäre Teams sollen im Rahmen von Projekten Ideen generieren und gemeinsam umsetzen. "Wissenschaft und Forschung sollten den Menschen dienen. Um Probleme zu lösen, müssen die Ergebnisse aus Forschungsprojekten auch Eingang in die Gesellschaft finden. Ein Schritt in die richtige Richtung können Kooperationen zwischen Bildungseinrichtungen und Wirtschaft sein."

Fachhochschulen gelten als Universitäten der Wirtschaft. Inwiefern ist da wissenschaftliches Forschen relevant?

Hannes Raffaseder: Angewandte Forschung und Entwicklung ist ein wesentlicher Faktor für die Qualitätssicherung unserer Bildungsangebote. Nur damit kann es gelingen, das Lehr-und Forschungspersonal am aktuellen Stand der Wissenschaft zu halten. Wir benötigen auch in der Forschung den Praxisbezug. Daher kooperieren wir bei fast allen Forschungsprojekten direkt mit Partnern aus der Wirtschaft. Das stellt auch den wechselseitigen Wissenstransfer sicher.

Warum brauchen FH-Studenten wissenschaftliche Grundlagen?

Raffaseder: Ein forschender Geist kann in jeder Lebenssituation helfen, die richtigen Fragen zu stellen und sich nicht damit zu begnügen, an der Oberfläche zu schwimmen. Es ist auch eine Form der wissenschaftlichen Arbeit, über ein Thema genauer zu reflektieren, Fragen mit den richtigen Methoden zu beantworten und zu hinterfragen, wie (statistische) Ergebnisse zustande kommen. Davon kann man in vielen Berufs-und auch persönlichen Handlungsfeldern profitieren.

Welchen Stellenwert hat die praxisnahe Forschung an der FH St. Pölten?

Raffaseder: Unsere Studiengänge beginnen in allen Phasen zunächst mit praxisorientierten Projekten. Dabei werden die Studierenden angeleitet, ihre Ideen nicht nur umzusetzen, sondern auch entsprechend zu dokumentieren: was gut funktioniert hat und was nicht. Das ist schon ein erster Schritt in Richtung Forschung und Entwicklung, der sich dann rund um die Abschlussarbeiten fortsetzt. Zusätzlich forcieren wir Forschungsprojekte, bei denen unser Lehr-und Forschungspersonal stark integriert ist. Als zusätzliches Angebot zum Studium versuchen wir, möglichst vielen Studierenden die Möglichkeit zu geben, an diesen Projekten mitzuwirken. Das machen sie klarerweise nicht gratis, daher bieten wir verschiedene Beschäftigungsformen bis hin zur Anstellung. Im Rahmen von Masterstudien können Researche-Assistants zehn bis 20 Stunden bei uns angestellt sein. So wird auch ein relativ großer Teil der Studiengebühren an jene zurückgegeben, die sich hier als studentische Mitarbeiter einbringen. Sie machen auch einschlägige Praxis-und Forschungserfahrungen.

Inwieweit kann eine Fachhochschule eine Forschungseinrichtung sein?

Raffaseder: Das bedarf einer sehr großen Anstrengung. Unser Riesenproblem ist, dass es für Fachhochschulen keine Forschungsbasisfinanzierung gibt. Wir haben eigentlich keine Mittel für die Forschung und doch sind wir verpflichtet, qualitätsvolle Lehre zu bieten. Wie das ohne Forschung gehen soll, ist mir schleierhaft. Größere Aktivitäten müssen daher durch eigens akquirierte Drittmittel finanziert werden. Sei es über Forschungsförderungen auf nationaler Ebene bei FFG oder FWF oder zunehmend auf europäischer Ebene. Dabei stehen wir im direkten Wettbewerb mit Unis sowie außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dann gibt es noch Auftragsforschung von namhaften Firmen wie der Daimler AG oder dem Festspielhaus Baden-Baden.

Gibt es eine gewisse Rivalität zwischen Universitäten und Fachhochschulen?

Raffaseder: Wir empfinden das sehr entspannt. Junge Menschen haben kaum Berührungsängste und das gilt auch für uns. Häufig wird rund um Wissenschaft und Forschung alles in einen Topf geworfen. Ich halte das nicht für klug. Denn irgendwo passiert die Grundlagenforschung und irgendwann geht's dann um die Anwendung. Es muss möglich sein, relevante Grundlagen zu erforschen, ohne gleich einen Zweck oder eine Anwendung damit zu verbinden. Innovation und Entwicklung wiederum sind Bereiche, bei denen sofort Fragen über Wirtschaftlichkeit und Zielgruppe ins Spiel kommen. Hier zu differenzieren und die unterschiedlichen Aufgaben zu erkennen, wäre für das gesamte österreichische Hochschulwesen sehr gesund und die Voraussetzung für gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung. Man könnte Möglichkeiten der Ergänzung und Zusammenarbeit öfter nutzen -sollte aber nicht den Fehler begehen, sich immer mehr anzugleichen. Diese Tendenzen gibt es aufgrund der Fördersituationen, der Ausstattung oder der Selbstbilder.

Welche wissenschaftlichen Forschungsprojekte gibt es aktuell an der Fachhochschule St. Pölten?

Raffaseder: Kurz vor dem Abschluss steht das anwendungsorientierte Projekt "Diabetescoach" des Instituts für Gesundheitswissenschaften mit dem Institut für IT Security und dem Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung. Dabei wurde ein elektronischer Lebensmittel-Einkaufsberater entwickelt, der Diabetikern direkt im Geschäft bei Einkaufsentscheidungen unterstützt. Ein laufendes, FFG-gefördertes Projekt nennt sich CARMA (Center for Applied Research in Media Assisted Healthcare for Motion and Activity) und beschäftigt sich mit verschiedenen Assistenzsystemen für Prävention, Therapie und Rehabilitation, die durch den Einsatz digitaler Technologien deutlich optimiert werden können. Eine Sache, die uns stark beschäftigt und immer mehr nachgefragt wird, ist der "Lernraum der Zukunft". Uns interessiert dabei, wie Lernräume künftig gestaltet sein können, welche Technologien eine Rolle spielen und wie man das möglichst sinnvoll verknüpfen kann.

Welche Formen der Kooperation bestehen mit anderen Bildungseinrichtungen?

Raffaseder: Ein Paradeprojekt für eine perfekte Zusammenarbeit zwischen Unis und FH in Österreich war das ,Team Austria'. Es hat im Herbst 2013 den ,Solar Decathlon' gewonnen. Zu diesem universitären Wettbewerb des US Department of Energy wurden aus 150 internationalen Bewerbungen zwanzig Teams eingeladen, um nachhaltige Solarhäuser zu bauen.,Team Austria' war eine Kooperation von TU Wien, FH Salzburg, FH St. Pölten und dem AIT, dem Austrian Institute of Technology. Es hat in Kalifornien gezeigt, was möglich ist, wenn man offen und entspannt miteinander kommuniziert. Zudem laufen bei uns viele geförderte Forschungsprojekte auf EU-Ebene. PITOTI etwa ist ein Projekt, bei dem prähistorische Felskunst durch Nutzung neuester Technologien digitalisiert und somit dauerhaft zugänglich gemacht wird. Dabei kooperieren wir mit der University of Cambridge, der Bauhaus-Universität Weimar und der TU Graz. Erfahrungsgemäß gelingt die Zusammenarbeit mit ausländischen Unis wesentlich besser, sie haben weniger Berührungsängste. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft auch mit heimischen Unis noch intensiver kooperieren. Dazu ist es nötig, die jeweiligen Stärken gegenseitig anzuerkennen und bestmöglich zu nutzen. Wir haben unterschiedliche Systeme im tertiären Bildungssystem und sollten aus der Erkenntnis der jeweiligen Stärken positive Synergien aufbauen. Auch weil es viele Best-Practice-Beispiele gibt und es sich immer mehr herumspricht, dass man zusammenarbeiten kann, bin ich da durchaus zuversichtlich.

Forschungsprojekte an der FH St. Pölten

www.solardecathlon.at

www.pitoti.org

www.fhstp.ac.at

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