Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Schluss mit Sex. Schaffen wir ihn ab. Dieser Gedanke ist freilich nur theoretisch, aber: Was würde geschehen, wenn ein Beamter in der EU-Kommission diese Idee aufgreift und beschließt, den Sex zu regulieren?

Wollte man Sex-Richtlinien schaffen, so wäre dies gewiss ein Fall für die EU.

Warum? Erstens gibt es bei genauerer Betrachtung überhaupt nur noch zwei nennenswerte Bereiche, die noch nicht von Eurokraten reguliert werden: Das Märchenreich der EU-Mythen, das selbst für hartgesottene EU-Beamte unregulierbar erscheint -und eben das Schlafzimmer.

Zweitens könnte die oft so fern wirkende Europäische Union mit einem Schlag die Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen.

Denn welches Thema könnte den Anspruch an die oft geforderte und doch selten erreichte Bürgernähe besser erfüllen?

Endlich eine Richtlinie, welche die Mehrheit der Menschen wirklich bewegt! Endlich die Chance auf Verkehrspolitik, die sich nicht nur um Transit-Laster und Grenzkontrollen dreht!

Und heißt es nicht immer, die EU solle sich endlich um die wirklich wichtigen Themen kümmern, statt das Leben bis in den letzten unwichtigen Winkel zu regulieren?

Wobei: Vielleicht wäre das sogar die nicht mehr für möglich gehaltene Chance für eine Neufassung der bislang so geschmähten Gurkenkrümmungsverordnung -wer weiß.

Der bürokratische Prozess in Brüssel, sonst oft Anlass für Kritik, wäre hier zur Abwechslung einmal genau richtig gestaltet: Ausnahmsweise ein Thema, bei dem es adäquat scheint, dass die wichtigen Fragen in Nachtsitzungen geklärt werden. Und ausnahmsweise müssten sich Politiker auch nicht dafür rechtfertigen, wenn die "intensiven Verhandlungen" vertraulich und hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Widerstand wäre vermutlich in Brüssel selbst zu erwarten: Man kann davon ausgehen, dass die EU-Beamten angesichts der bevorstehenden Sex-Regulierung um bestimmte Zulagen fürchten würden, die sie ja, wie man aus der Boulevard-Presse weiß, bekanntlich für so ziemlich alles kassieren.

Sie könnten themenadäquat gerade jenen Satz zu ihrem Slogan machen, den die undiplomatische US-Diplomatin Victoria Nuland kürzlich in Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen in der Ukraine geäußert hatte und für den sie sich entschuldigen musste: "Fuck the EU."

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