Großes Geschäft mit kleinem Ei

Man nennt es Eizellspende, obwohl es mit Spenden nichts zu tun hat

ULRIKE KADI, KATHARINA LEITHNER-DZIUBAS, KARIN TORDY | aus HEUREKA 1/14 vom 02.04.2014

Wenn Frau R. gefragt wird, sagt sie, dass sie sich auf ihre Kinder freut. Sie ist im fünften Monat schwanger -mit Drillingen. Sie ist 34 Jahre alt, seit elf Jahren verheiratet, Bankangestellte. Optimistin "trotz allem", sagt sie.

Die jahrelange Hoffnung auf eigene Kinder - vergeblich

Viele Jahre hatten sie und ihr Mann vergeblich auf ein Kind gehofft. Am Ende einer langen Reihe medizinischer Untersuchungen wurde entdeckt, dass Frau R.s Eizellen einen genetischen Defekt aufweisen, der eine Schwangerschaft unmöglich macht. Frau R. erinnert sich nur ungern an die Zeit, die auf diesen Befund folgte. "Es war, als wäre die ganze Welt zusammengebrochen", sagt sie. Denn sie und ihr Mann hatten sich vor allem auf die Gründung einer Familie eingestellt. "Wirklich geholfen hat mir damals nur eine Freundin, die von Fertilitätskliniken im Ausland gesprochen hat."

Eine russische Fertilitätsklinik verspricht Kinder

Über das Internet fand Frau R. Zugang zu einer russischen Klinik. Dort können die zukünftigen Eltern die Spenderin aus einer Datenbank mit Angaben zu Blutgruppe, Haut-, Augen-und Haarfarbe, Größe und Gewicht entweder selbst auswählen oder die Auswahl der Klinik überlassen. Frau R. musste sich allein für eines der beiden Verfahren entscheiden. Denn Herr R. war misstrauisch.

Wie solle denn rechtzeitig festgestellt werden, ob die implantierten Eizellen überhaupt über jene Qualitäten verfügten, mit denen sie angepriesen wurden? Die angeblich regelmäßig untersuchten und als groß, attraktiv und nordeuropäisch beschriebenen Spenderinnen würden ja für immer unbekannt bleiben. Denn schon auf der Internetseite der Klinik wurde die Anonymität der Spenderinnen hervorgehoben.

Frau R. spricht nicht über die Erfahrungen, die sie bei der weiteren Anbahnung ihrer Schwangerschaft gemacht hat. Ihren Eltern hat sie von einer touristischen Russlandreise erzählt, um die Behandlung zu verschleiern. Sie möchte nicht, dass ihre Kinder eines Tages erfahren, dass eine dritte Person an ihrer Zeugung beteiligt war. Und sie hat Angst, dass die österreichischen Versicherungsträger die Kosten für Schwangerschaftsuntersuchungen und die Geburt nicht übernehmen, wenn sie erfahren, dass Frau R. sich im Ausland einer in Österreich verbotenen Fertilitätsbehandlung unterzogen hat.

Und dann: Statt einem Kind gleich drei

Die Mitteilung ihres Gynäkologen, dass sie Drillinge erwarte, hat sie nicht ganz unvorbereitet getroffen. Sie wusste, dass sie mehrere Föten implantiert bekommen hatte. Für einen Fetozid, die Tötung eines Fötus zur Reduktion einer möglichen Mehrlingsschwangerschaft, mochte sie sich nicht entscheiden. Doch wie soll sich das alles ausgehen?

Berufstätig hatte sie trotz Kinderwunsch immer bleiben wollen. Die Wohnung, die das Paar gekauft und eingerichtet hatte, war auf höchstens zwei Kinder angelegt. Was ist, wenn die Kinder nicht gesund sind? Drei Kinder auf einmal erschienen ihrem Mann nun plötzlich zu viel. Er zog sein Angebot, einen Teil der Karenzzeit zu Hause zu bleiben, zurück.

Nicht wenige der mit heterologen Eizellen angebahnten Schwangerschaften sind mit hohem psychischen Stress für die Schwangeren verbunden. Der Gedanke, ein oder gar mehrere gänzlich fremde Kinder im eigenen Leib zu haben, lässt manche überhaupt nicht mehr los.

Wer könnte die Frau sein, deren Eizellen im Spiel sind? Streng genommen sind es ja die Kinder meines Mannes mit einer anderen Frau, denkt Frau R., wenn es ihr weniger gut geht. Eine psychologische Beratung ist für sie nicht in Sicht. Das liegt nicht nur an ihrem Wunsch nach Geheimhaltung der Herkunft ihrer Kinder. Auch österreichische Fertilitätsinstitute, die für eine Eizellspende mit Kliniken im Ausland kooperieren, brauchen von Gesetz wegen keine psychologische Begleitung der Frauen vorzusehen.

Was ist eigentlich eine "Eizellspende"?

Am Anfang steht eine sprachliche Unschärfe: Die "Eizellspende" ist keine Spende. Sie ist keine Gabe von einer Frau an die andere. Es werden Eizellen von in der Regel unbekannten Frauen, die sich einer hormoninduzierenden Behandlung unterziehen, an andere Frauen unter medizinischer Assistenz verkauft. Warum aber wird dann von "Eizellspende" und nicht von "Eizellhandel" gesprochen? Weshalb wird das Geschäft nicht unter seinem richtigen Namen gemacht?

Spenden sind freiwillige Gaben, Formen der sozialen Bezugnahme, des sozialen Ausgleichs, Geschenke, die sich einem strategischen Kalkül widersetzen. Wenn kostenpflichtige Eizellübertragungen als Spenden angesehen werden, werden mithilfe eines semantischen Kunstgriffs viele ungelöste, vielleicht sogar unlösbare Probleme eines Eizelltransfers verwischt.

Zu diesen Problemen zählt aufseiten der Empfängerinnen wie auf der ihrer Partner die Tatsache, dass der Eizelltransfer unter den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich in einen Graubereich gedrängt wird. Es gibt keine verpflichtende Beratung vor, während oder nach einer solchermaßen induzierten Schwangerschaft, nicht zuletzt deshalb, weil der Eizelltransfer in Österreich verboten ist. Den Preis zahlen die Betroffenen: Die außergewöhnliche Form dieser Schwangerschaft kann nicht reflektiert werden. Vorausliegende Enttäuschungen wie die eigene Unfruchtbarkeit werden nicht betrauert. Ohne rechtzeitige Aufklärung werden die Frauen mit Gefühlen von Schuld, Scham und Angst allein gelassen in einer extremen Erfahrung, die sie nicht selten zum Wunsch und bisweilen zum Entschluss führt, die Schwangerschaft wieder abzubrechen.

Ökonomische Verhältnisse drängen zur "Eizellspende"

Auch die Seite der Frauen, die ihre Eizellen verkaufen, wird verzerrt dargestellt, solange von einer Spende die Rede ist. Die ökonomischen Verhältnisse, in denen der Handel stattfindet, sind oftmals nicht durch Überfluss gekennzeichnet, wie es eine Spendenrhetorik nahelegt, sondern durch finanziellen Druck.

So wird beispielsweise von Studierenden heute vielerorts erwartet, dass sie ihr Studium in einer möglichst kurzen Zeit mit möglichst besten Ergebnissen absolvieren. Unter den Bedingungen einer neoliberalen Konkurrenzgesellschaft bleibt für Erwerbstätigkeit neben dem Studium immer weniger Zeit. Der eigene Körper wird zu einer letzten, wichtigen Ressource. Solange von Spenden die Rede ist, braucht kein öffentlicher Diskurs darüber geführt zu werden, dass diesen jungen Frauen (und nicht nur ihnen) ein fragwürdiges neoliberales Ideal buchstäblich auf den Leib geschrieben wird: jede ist für sich allein verantwortlich.

Für die Kinder sind die psychischen Folgen eines anonymisierten Eizelltransfers gleichfalls nicht zu unterschätzen, denn die Auseinandersetzung mit der persönlichen Herkunft bildet einen wichtigen Bestandteil für die Entwicklung der eigenen Identität.

Völkerrechtlich gilt das Recht auf Kenntnis der Abstammung als ein Menschenrecht. Im Übrigen entsteht durch den anonymen Handel ein für unser genetisches Zeitalter grotesker Widerspruch: den auf diesem Weg gezeugten Kindern ist es unmöglich, ihre eigene genetische Vorgeschichte zu rekonstruieren.

Dringender Diskussionsbedarf über den Eizellhandel

Herr und Frau R. werden mit ihren Kindern eine besondere Familie sein. Wie die Mitglieder der Familie mit diesem Familiengeheimnis umgehen werden, ist gerade in unvermeidlich konfliktreicheren Zeiten offen. Damit institutionelle Angebote entstehen können, um Paare, die keine eigenen Kinder zeugen oder empfangen können, dabei zu unterstützen, bedarf es einer breiten öffentlichen Diskussion über den Eizelltransfer. In Österreich fehlt sie bis jetzt.

Katharina Leithner-Dziubas ist Psychoanalytikerin und Fachärztin für Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Psychosomatische Frauenambulanz, MedUni Wien

Ulrike Kadi ist Psychoanalytikerin, Fachärztin für Psychiatrie und Philosophin an der Uniklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Psychosomatische Frauenambulanz, MedUni Wien

Karin Tordy ist Klinische Psychologin und Psychotherapeutin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Abt. für Geburtshilfe und feto-maternale Medizin, MedUni Wien

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