Haidingers Hort der Wissenschaft

Winnetou -und dann -Robo!

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

Als Büblein in den Siebzigerjahren hatte ich einen kühnen Traum, dessen Erfüllung so utopisch schien wie die im Raumschiff Enterprise vorgeführte mobile Handykommunikation zwischen Käpt'n Kirk und Mister Spock.

Das höchste der Gefühle, so malte ich mir aus, wäre doch ein intelligentes Gerät, das auf Verlangen jederzeit meine Lieblings-"Winnetou"-Filme abspielen könnte. Damit wäre das lästige Warten auf die Ausstrahlungstermine im Fernsehen mit einem Schlag beendet!

Mit der kleinen Heimversion der damals gebräuchlichen Super-8-Filmprojektoren war das nicht zu machen. Damit sahen wir -zwar begeistert, aber zum x-ten Mal - die immergleichen 3-Minuten- Mickymausfilme. So blieb es bis in die frühen Achtzigerjahre.

Und dann kamen endlich die Videorecorder jederlei Systems (Beta, 2000, VHS) und dann die DVD und dann folgten Youtube und diverse Filmportale, und dann

Unlängst wurde ich in einem öffentlichen Lokal eines Mannes reiferen Alters gewahr, der sein Smartphone anbrüllte. "Winnetou!!!" schrie der sympathische, dickliche Mittvierziger und -o Wunder -auf dem kleinen Display erschienen Pierre Brice und Lex Barker und trieben ihre Faxen in Horst Wendlandts Silbersee-Streifen. In voller Filmlänge!

"Geschafft", feixte ich. Der Wunsch des kleinen Buben ist also erfüllt worden! In einer immer schneller galoppierenden "und dann"-Fortschrittsgesellschaft ist nach Kirks Handy nun auch der mobile Winnetou Realität!

Ich trank aus, zahlte, ging nach Hause und freute mich darauf, "Robo" wiederzusehen. Mein neuer Hausgenosse sieht aus wie ein UFO, fährt schnurrend durch die Wohnung und saugt Staub. Ein strombetriebener Saugroboter also, blitzgescheit, mit Sensoren ausgestattet, die jeden Raum scannen und vermessen, Hindernisse erkennen und sich merken, wo sie zuletzt gesaugt haben. Ehe ich das Haus verlassen hatte, war "Robo" in Betrieb gesetzt worden. Das war vor etwa drei Stunden gewesen.

Ich öffnete die Tür. Kein Geräusch zu hören. Aber auch kein "Robo" in seinem Nest, der "Ladestation". Wo war er geblieben?

Und dann: ein sentimentales "Fieps" tönte unter dem Schreibtisch hervor. Ich bückte mich: "Robo" in zarten Banden eines fremden Stromkabels gefangen -er hatte sich in die Ladestation meines Handys "verliebt" und war gestrauchelt. Gegen die Liebe ist also auch elektronischerseits kein Kräutl gewachsen. Auch nicht intelligenter als ich. "Uff", sagte Winnetou erleichtert.

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