Vom Rednerpult auf die Duellwiese

Das bleibt unseren Parlamentariern heute erspart. Trotzdem wirken sie, verglichen mit früheren Parlamentseliten, schwach

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

Was würde sich ein Abgeordneter des Reichsrats denken, könnte er einer Nationalratssitzung des Jahres 2014 beiwohnen? "Es wäre ihm wohl fürchterlich fad, denn er wäre ein lebhafteres Parlament gewohnt", sagt Franz Adlgasser vom Institut für Neuzeitund Zeitgeschichtsforschung der Akademie der Wissenschaften. "Er wäre außerdem von der Kleinheit des Hauses überrascht, von der ethnischen Einheitlichkeit, von der Einsprachigkeit des Parlaments und von der Kürze und Aussagelosigkeit der Reden."

Eine Redezeitbeschränkung wie heute gab es zu Kaisers Zeiten nicht. Die längste Rede im Plenum dauerte 13 Stunden, in den Ausschüssen redeten Abgeordnete sogar 20 Stunden, wie der Historiker erzählt. "Reden" war dabei nicht immer wörtlich gemeint: Oft mussten die Politiker schreien, um den Lärm des Hauses -Mikrofone gab es nicht -zu übertönen.

Zum Thema Historischer Parlamentarismus sprach Adlgasser im April bei der von der holländischen Akademie der Wissenschaften veranstalteten "European Social Science History Conference" (ESSHC) in Wien. Gemeinsam mit Kollegen aus Ungarn und Rumänien referierte Adlgasser dort über parlamentarische Eliten in Zentral-und Südosteuropa vor dem Ersten Weltkrieg im Wandel.

Früher mehr Eigeninitiative Was bringt es uns Heutigen überhaupt, den Parlamentarismus der Monarchie zu studieren? Können wir daraus lernen? "Ich bin dagegen, zu sagen, man soll aus der Geschichte lernen", sagt Adlgasser. "Aber wenn wir über Reformen im Hinblick auf die Personalisierung des Wahlrechts reden, dann haben wir hier eine lange Tradition eines Parlaments, das mittels echtem Persönlichkeitswahlrecht gewählt wurde. Wir können uns die Vor-und Nachteile anschauen, und wie es funktionierte."

Im Unterschied zu heute besaß das altösterreichische Parlament eine starke Eigeninitiative. "Die haben nicht gewartet, bis die Regierung gekommen ist. Die Abgeordneten hatten die fachliche Kompetenz, komplexe Materien zu beurteilen und zu bearbeiten", sagt der Experte.

Abgeordnete waren zunächst echte Individualisten. Aber eine Zivilgesellschaft wie damals sei im heutigen Parlament nicht mehr vertreten. Dies hänge mit der Fortentwicklung des Wahlrechts zusammen: Parallel zum Allgemeinen Wahlrecht seien auch die Massenparteien entstanden.

"Mit den Massenparteien kam eine sozial andere Schicht von Politikern ins Parlament, die weitgehend das waren, was man heute als die klassischen Interessenvertreter bezeichnet", weiß Franz Adlgasser: "Parteiangestellte, Parteijournalisten, Funktionäre von Gewerkschaften und Genossenschaften" - und dies auf Kosten der Honoratiorenpolitiker, die bis in die 1890er-Jahre die Mehrheit bildeten und vor allem im später sogenannten Dritten Lager der Nationalliberalen überlebten.

Auf der Bluadwies'n Was Aktionismus betrifft, so erscheinen heutige Abgeordnete nachgerade mustergültig. Neben der Obstruktion, dem Blockieren der parlamentarischen Arbeit in jeglicher Form, kam es zu Raufereien, und es flogen die Tintenfässer.

"Als absoluter Tiefpunkt", so der Historiker, "wird das Pistolenduell zwischen dem Deutschnationalen Karl Hermann Wolf und Kasimir Felix Badeni 1897 gesehen. Angeblich hat Wolf von einer 'polnischen Schufterei' gesprochen -viel wahrscheinlicher aber hat er Badeni 'du polnisches Schwein' genannt." Badeni forderte Wolf daraufhin zum Duell. Das Ergebnis: Badeni bekam eine Kugel in den Arm, und Wolf kehrte unverletzt und triumphierend ins Parlament zurück.

Im Juni erscheint in Kooperation mit dem österreichischen Parlament Franz Adlgassers zweibändiges biografisches Lexikon zu den Abgeordneten beider Häuser von 1848 bis 1918. Neben biografischen Grunddaten gibt es Auskunft über Herkunft, Ausbildung, den beruflichen und politischen Werdegang sowie sonstige gesellschaftliche Tätigkeiten der einzelnen Parlamentarier.

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