Was am Ende bleibt

Holzfällen im Waldviertel

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

In Österreich können Naturgebilde, besondere Einzelbäume oder Baumgruppen, Felsen, Höhlen und Wasserfälle wegen ihrer Eigenart, Schönheit, Seltenheit oder ihres besonderen Gepräges, ihrer wissenschaftlichen oder kulturellen Bedeutung zu Naturdenkmälern erklärt werden. So lautet das Gesetz.

Ein Dorf im Waldviertel hat nichts von all dem, genauer -nicht mehr. Der Bürgermeister von A. ließ kürzlich einen mehr als einhundert Jahre alten Kastanienbaum aus nicht ersichtlichen Gründen fällen. Der Koloss von gut zwanzig Metern Höhe und entsprechendem Kronendurchmesser überlebte den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Als die gepflasterte Dorfstraße in den Sechzigerjahren asphaltiert wurde, rückten nicht einmal die wenig zimperlichen Straßenarbeiter dem Riesen zu Leibe. Eigentlich wäre er im Weg gestanden, aber auch im Wirtschaftswunder blieb der Baum unumstößlich. Man brauchte nicht einmal Landschaftsarchitekten oder Gartengestalter, um das Wahrzeichen des Ortes, dessen Eigenart und Schönheit erklärt zu bekommen. Ein Grund, die Kastanie, an der Generationen von Kindern spielerisch den Umgang mit Umwelt und Geschichte lernten, zum "Naturdenkmal" zu erklären, lag nicht vor. Wer denkt bei einer Rosskastanie, die zweihundert Jahre alt werden kann, über deren Zukunft nach? Noch dazu im Waldviertel.

Dass der derzeitige Ortsvorsteher vor lauter Wald den Baum nicht sah, mag mit seinem Beruf als Landesbeamter in Sachen Forstwirtschaft zu tun haben. Solche Personen reden gern von "Nachhaltigkeit" und können mit "kulturelle Bedeutung" wenig anfangen -wo bleibt da der Nutzen für die Allgemeinheit?

Hier drängt sich die Frage auf, wessen Aufgabe es ist, darüber nachzudenken, was zu einem Naturdenkmal werden soll. Wie wird über "Eigenart" oder "besonderes Gepräge" entschieden? Der Bürgermeister, unbeeindruckt von anonymen Briefen, die ihn als "Baummörder" beschimpften, stellte das Dorf vor vollendete Tatsachen. Als sich das Expertengutachten bei Besichtigung des gefällten Stammes als falsch erwies, trat die "Vorsorge" auf den Plan: "Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas passiert?"

Von der Geschmacklosigkeit abgesehen, stellt die Frage nichts als die Perversion von Vorsorge dar! Voltaire hatte Recht: "Wir müssen unseren eigenen Garten bestellen." Kümmert euch rechtzeitig um eure Naturdenkmäler!

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