Big Data für die Hosentasche

Apps für das ganze, komplizierte Leben - oder warum man beim Zähneputzen Big Data braucht

ELISABETH SCHEPE | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

Christoph Schaffer, Leiter des Mobile Computing Studiengangs an der FH Hagenberg, über mobile Technologien und Innovationen für Smartphone &Co.

Was bedeutet für Sie Big Data und wie nutzen mobile Applikationen große Datenmengen?

Christoph Schaffer: Einerseits ist der Begriff beängstigend, andererseits stimmt er einen euphorisch. Mit Big Data können wir völlig neue Services generieren und personalisierte Unterstützung anbieten. Fast jede App braucht gewisse Informationen, um sie interessant zu machen. Einen guten Service zeichnet ja auch im normalen Leben aus, Wünsche von den Lippen ablesen zu können. Das mobile Endgerät wird zum Butler. Wir müssen aber auch wieder mehr Kontrolle darüber bekommen, was mit unseren Daten passiert.

Einige Apps untersuchen mit verschiedenen Sensoren Routinen des Nutzers und stellen sein Verhalten in Statistiken dar. Was motiviert Menschen

dazu, sich so vermessen zu lassen? Schaffer: Gerade bei den Sport-und Gesundheitsanwendungen sehe ich so, wie ich mich verbessert habe. Ich habe jemanden, der mir Feedback gibt.

Die Kategorien, nach denen zwischen besser oder schlechter differenziert wird, kommen aber von der App.

Schaffer: Das ist die Gefahr bei solchen Metriken: Wer definiert Verbesserung? Andererseits ist es so: Je mehr Daten ich habe, umso mehr Verknüpfungen kann ich herstellen und umso mehr kann ich das Produkt wieder auf Interessen und Gegebenheiten adaptieren.

In welchem mobilen Bereich sind Technologien mit großen Datenmengen am erfolgreichsten?

Schaffer: Bei allem, was mit Bewegung zu tun hat, weil wir dort gut mit Sensorik wie GPS, oder Bewegungssensoren, Waagen oder Blutdruckmessern ausgerüstet sind. Das geht bis zur Zahnbürste, die protokolliert, ob ich die Zähne richtig putze. Eigentlich sollte das ja jeder selbst wissen. Fakt ist aber, dass wir da und dort das Bewusstsein dafür verlieren, was gesund ist - und uns viel zu wenig bewegen. Wie im Verkehr: Jeden Morgen stehen viele Menschen im Stau. Eine Technologie, die die Bewegungsdaten der einzelnen Autofahrer zur Verfügung hätte, könnte sagen: "Es hat keinen Sinn dass du 130 fährst, denn du wirst später sowieso im Stau stehen." Das spart Energie und Nerven, und der Verkehr bleibt flüssig.

Wo ist hier die Grenze zwischen Serviceleistung und Missbrauch?

Schaffer: Missbräuchlich ist das Datensammeln immer dann, wenn die Daten nicht im Sinne und ohne das Wissen des Anwenders verwendet werden. Ich möchte die volle Kontrolle über meine Daten haben, die ich generiere, und im weiteren Sinne vielleicht auch Geld dafür bekommen. Daten sind sehr viel wert. Warum sollte also der Einzelne da nicht mitverdienen können?

Was ist die Aufgabe der Wissenschaft bei diesem Thema?

Schaffer: Sie muss das Potenzial und die Risiken aufzeigen, also auch qualifiziert warnen. In der Ausbildung auf der FH sensibilisieren wir die Studierenden dahingehend, damit sie lernen, zu reflektieren.

Kann Österreich zur Entwicklung von mobilen Diensten einen nennenswerten Beitrag leisten?

Schaffer: Durchaus. Das Schöne ist, dass heutzutage gerade der mobile Sektor keine Ländergrenzen mehr kennt. Heute bin ich sofort weltweit sichtbar -optimal für die vielen Startups, die momentan überall aus dem Boden schießen. Davon werden zwar nicht alle überleben, es gibt aber immer wieder spannende Innovationen. Wir stehen erst ganz am Anfang, die Post wird noch richtig abgehen.

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