Freistetters Freibrief

Müll verwerten

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

Astronomen entdecken zweite Erde!" oder "Astronomen entdecken keinen neuen Planeten!" - welche Schlagzeile wird man wohl eher in der Zeitung lesen können? Natürlich die erste, denn negative Resultate sind uninteressant. Auch für die wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Es kommt weitaus häufiger vor, dass Astronomen einen Stern beobachten und dort keinen Planeten finden, als dass sie eine Entdeckung machen. Aber die Nicht-Entdeckung ist nur in den seltensten Fällen eine Nachricht wert.

Das kann durchaus problematisch sein. Denn auch negative Resultate sind Resultate. Ihnen gehen die gleiche Arbeit voraus, die gleichen Anstrengungen und die gleiche kreative wissenschaftliche Leistung. Aber in der Realität des Forschungsalltags funktioniert nicht jede Idee. Nicht jedes Experiment ist erfolgreich. Wissenschaft besteht aus Versuch und Irrtum, und den Irrtum darf man nicht ignorieren.

Zu wissen, wie etwas nicht funktioniert, ist genau so wichtig wie das Wissen über ein erfolgreiches Experiment. Aber nur, wenn dieser Irrtum auch publiziert wird, kann man vermeiden, dass andere Forscher denselben Fehler machen. Im besten Fall verliert man durch die ungewollte Reproduktion erfolgloser Forschung Zeit und Geld. Im schlimmsten Fall kann es aber um Leben und Tod gehen, zum Beispiel, wenn Erkenntnisse aus der pharmazeutischen Forschung nicht publiziert werden und Medikamente mit schweren Nebenwirkung unnötigerweise mehrfach getestet werden.

Selbst wenn sich Wissenschafter dazu durchringen, ihr Scheitern zu veröffentlichen, finden sie dafür selten Fachzeitschriften. In den meisten angesehenen Journalen konzentriert man sich auf die Erfolge -je beeindruckender, um so besser. Scheitern hat da keinen Platz. Die wenigen Publikationen, die sich wie das Journal of Unsolved Questions (JUnQ) offiziell mit negativen Resultaten beschäftigen, fristen ein Nischendasein.

Erfolglose Experimente, Nullresultate und Nicht-Entdeckungen mögen nicht so spektakulär sein wie Forschungsschlagzeilen. Aber aus wissenschaftlicher Sicht sind auch diese Ergebnisse relevant und alles andere als Forschungsmüll. Wir müssen uns nur endlich dazu durchringen, das Scheitern entsprechend zu würdigen und ernst zu nehmen! Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige