"Für Schönrederei gibt es keinen Grund"

Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien, und der Bildungsvolksbegehren-Initiator Hannes Androsch im Gespräch über Österreichs Forschungszukunft.

VERENA AHNE | aus HEUREKA 2/14 vom 28.05.2014

Die drohende Unterdotierung des FWF ist abgewendet. Reicht das?

Sabine Seidler: Österreich ist ein rohstoffarmes Land. Seine Chance ist seine Innovationskraft. Nachhaltige Wissenschaftspolitik entsteht aus dem Bewusstsein, dass die Zukunft unseres Landes in diesem Bereich liegt -und damit in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Das ist auch erklärtes Ziel der Bundesregierung: Um Österreich zum Innovation Leader zu entwickeln, wollte sie die F&E-Ausgaben auf zwei Prozent des BIP heben. Mit jedem Jahr, in dem es nicht gelingt, auf diesen Pfad zu kommen, rückt diese Ziel weiter in die Ferne. Deshalb ist die chronische Unterfinanzierung des Bildungs-und Forschungsbereichs für mich nicht nachvollziehbar, auch wenn wir natürlich erleichtert sind, dass die Finanzierung des FWF und der ÖAW jetzt einmal gesichert wurde.

Hannes Androsch: Tatsache ist, dass wir an Boden verlieren. Uns fehlt die notwendige Dynamik, die mit der beschlossenen Strategie der Bundesregierung einhergehen müsste. Wir haben Wettbewerbsfähigkeit verloren, die Innovationsdynamik ist zurückgegangen, unser Bildungssystem ist nicht im Mittelfeld, sondern eher an das Tabellenende abgerutscht. Noch sind wir nicht abgesandelt. Aber es gibt auch keinen Grund, den Stand der Dinge schön zu reden. Wenn wir uns mit Griechenland oder Portugal vergleichen, dann sind wir besser. Um uns aber mit den Besten messen zu können, müssen wir aufholen! Nicht nur bei der Forschung liegen wir deutlich hinter Ländern wie der Schweiz oder Schweden. Die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Wirtschaft ist immer enger mit Wissenschaft und Forschung verknüpft.

Seidler: Dass wir, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, am Output gemessen noch nicht so schlecht dastehen, führe ich nur auf das besondere Engagement der WissenschafterInnen zurück. Aber hier werden Kapazitätsgrenzen erreicht -deshalb besteht dringender Handlungsbedarf.

Was sollte anders werden?

Androsch: Es geht nicht ohne Reformen - im gesamten Bildungssystem. Diese müssen bereits bei der frühkindlichen Betreuung einsetzen, ausreichende Deutschkenntnisse vor dem Schuleintritt vermitteln und auf ein flächendeckendes Anbot an verschränkten Ganztagsschulen bei zugleich mehr Schulautonomie abzielen. Unis und Forschungseinrichtungen brauchen mehr Mittel, sonst fallen wir in den Uni-Rankings noch weiter zurück. Wir haben doppelt so viele Universitäten wie die Schweiz, aber nur halb so viel Geld. Zudem ist bei uns das Zugangsmanagement und das Betreuungsverhältnis höchst unbefriedigend. Man muss nur das Betreuungsverhältnis und die Aufwendungen der TU Wien mit denen der ETH Zürich oder auch München vergleichen!

Aber woher soll das Geld kommen angesichts der Budgetnöte?

Androsch: In Österreich läuft einiges falsch. Warum kommen wir als eines der reichsten Länder der Erde mit einer der höchsten Steuerquoten nicht mit den eingenommenen Mitteln aus? Bei uns werden Milliarden für wirkungslose Umschulungen und Frühpensionen ausgegeben, zugleich wird bei Investitionen in die Zukunft gespart. Unser Bildungssystem ist weltweit eines der teuersten, aber das Geld kommt nicht in den Klassenzimmern an. Viel zu viel versickert in hypertrophen Verwaltungsstrukturen. Das alles gehört geändert. Wir müssten nicht einmal etwas neu erfinden, es gibt genügend Vorschläge und internationale Vorbilder. Es mangelt an der Umsetzung, weil viel zu viel blockiert wird. Zurück zur Forschung. Sollte ein Kleinstaat wie Österreich bewusst Forschungsschwerpunkte setzen?

Seidler: Wir könnten sicher mehr Augenmerk auf das Streben nach Themenführerschaft richten, die wir nur in einzelnen Bereichen haben, etwa der Quantenphysik. Um diese zu erreichen, braucht es kritische Massen: an Köpfen, und im naturwissenschaftlich-technischen Bereich oft auch an Infrastruktur. Man muss sich also zusammenschließen. Was oft an der Kleinkariertheit in Österreich scheitert. Zu viel ist hier auf regionale Interessen abgestellt, das ist sehr hinderlich. Um beispielsweise beim EU-Programm Horizon 2020 zu reüssieren, reichen einzelne Stärken nicht, dafür müsste sich Österreich thematisch breit aufstellen, mit gemeinsamen Initiativen, in die Unternehmen von Beginn an integriert sind.

Androsch: Ich glaube auch, dass ein kleines Land nicht alles machen kann. Aber was es macht, dort soll es klotzen, nicht kleckern. Der FWF muss viele gute Anträge aus Geldmangel ablehnen. Man könnte auch in der angewandten Forschung viel mehr tun, zum Beispiel mehr COMET-Zentren einrichten.* Damit könnte mehr Geld in Brüssel abgeholt werden, statt es dort liegen zu lassen.

Sie sprechen beide hauptsächlich von anwendungsorientierten Fächern

Seidler: Nein, jenseits von Schwerpunkten muss unbedingt Raum für Neues bleiben! Wirklich Neues entsteht nur aus der Grundlagenforschung. Das ist nicht planbar. Hier braucht es Mut zum Risiko -sozusagen Risikokapital für Investitionen in die Zukunft -und Geduld. In vielen Bereichen, in denen wir heute forschen, ist noch keine praktische Anwendbarkeit vorstellbar. Auch deshalb stehen Grundlagen-und anwendungsorientierte Forschung aus meiner Sicht nicht in Konkurrenz, sondern bedingen einander. Sie liegen zeitlich auf unterschiedlichen Punkten des Innovationsprozesses.

Androsch: Innovation ist ein langer Weg, es dauert, bis ein Produkt oder eine Leistung auf den Markt kommt. Eine Idee und vielleicht ein Prototyp allein genügen nicht. Wir müssen in unserem Land viel mehr den Unternehmergeist fördern. Es gibt zu wenig Risikokapital und zu wenige Start-ups. Im Silicon Valley konnten damit große Firmen wie etwa Microsoft, Apple, Twitter entstehen -das fehlt uns.

Geraten die Geisteswissenschaften bei alledem nicht völlig ins Abseits?

Seidler: Bildung trägt zur Entwicklung einer Gesellschaft bei, die jeweilige Disziplin ist dabei nicht relevant. Gerade im Bereich Technik und Naturwissenschaften sind wir zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Folgen unseres Tuns aufgerufen. Unsere Forschung beeinflusst die Gesellschaft unmittelbarer und direkter als viele andere Disziplinen. Unter anderem für die Reflexion unserer Verantwortung braucht es Geisteswissenschaften.

Androsch: Faktum ist, dass sie leichter zu finanzieren sind, da sie kaum aufwendige Infrastruktur brauchen. Naturwissenschaftlich-technische und medizinische Entwicklungen brauchen mehr Geld und längere Ausreifungszeiten, dem muss man Rechnung tragen.

Seidler: Nur wird auf den unterschiedlichen Ressourcenaufwand in den einzelnen Disziplinen bei den Budgetvergaben bisher leider keine Rücksicht genommen.

Ein anderes Problem ist doch auch der sogenannte Braindrain, die Abwanderung von Begabten aus Österreich?

Seidler: Da bin ich etwas gespalten. Für gute Leute in der Wissenschaft gehört es heute dazu, sich global zu bewegen. Aber das sollte keine Einbahnstraße sein: Wenn gute Köpfe gehen, müssen andere gute kommen. Das muss ein Kreislauf sein, ist es aber nicht. Als Hauptproblem sehe ich die Rot-Weiß-Rot-Card und den ganzen riesigen Wust an administrativen Dingen, die bei uns vor einem Forschungsaufenthalt zu erledigen sind. Hier müsste Österreich so einiges tun, um attraktiver zu werden.

*) Das Programm COMET (Competence Centers for Excellent Technologies) fördert den Aufbau von Kompetenzzentren auf hohem Niveau nach einem von Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam definierten Forschungsprogramm

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