"Wir müssen attraktiv sein"

Bei einer Podiumsdiskussion an der Universität Wien wurde über die künftige Ausrichtung der Wissenschaft in Österreich gesprochen

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 3/14 vom 25.06.2014

Drei engagierte junge Menschen schließen ihre Geschichte-Dissertation mit "Sehr gut" ab und werden aus den insgesamt 28 mit "Sehr gut" beurteilten Geschichtedissertationen für den Preis der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät ausgewählt. Wer glaubt, eine erfolgversprechende Wissenschaftskarriere sei damit eingeleitet, irrt: Die drei Preisträger arbeiten mittlerweile in Deutschland.

Dieses "eklatante" Beispiel bringt Andreas Schwarcz, Vorstand des Instituts für Geschichte, bei einer Podiumsdiskussion an der Universität Wien. "Wenn wir in Österreich ein gewaltiges Defizit haben, dann das: Welche Perspektiven bieten wir dem wissenschaftlichen Nachwuchs?", will der Historiker aus dem Auditorium wissen.

Auf die Frage an Reinhold Mitterlehner am Podium, ob er mehr Wissenschafts-oder doch mehr Wirtschaftsminister sei, erklärt dieser, dass er in dieser Woche schon mehr "Wissenschafts-" als "Wirtschaftstermine" gehabt habe. Es gebe ähnliche Doppelressorts auch in der Schweiz und in Großbritannien. Außerdem sei das neue EU-Rahmenprogramm Horizon 2020 stark wettbewerbsorientiert.

Mitterlehner möchte erreichen, dass Österreich noch stärker von EU-Forschungsförderungen profitiert. Zu diesem Zweck wurde ein eigenes Beratungsgremium, das ERA Council Forum Austria, gegründet. "Österreich ist ein guter Forschungsstandort, aber wir müssen das vorhandene Potenzial besser bündeln und interdisziplinäre Kooperationen vorantreiben." Der Minister sieht die "befürchtete Ökonomisierung der Wissenschaft" durch das neue Ressort ausgeräumt. Als Beispiel für bestehende Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nennt er die Christian-Doppler- Labors, eine Forschungsgemeinschaft zur Förderung der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft.

Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt spricht die Kluft in der Wertigkeit zwischen Natur-sowie Sozial-und Geisteswissenschaften an: "Das ausschließlich naturwissenschaftlich-technische Denken der jetzigen Zeit reicht nicht aus. Sozial-und Geisteswissenschaften sind wichtig und müssen erhalten bleiben."

Der Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, berichtet, dass es mittlerweile in Fächern wie Chemie, Pharmazie oder Physik deutlich mehr Studierende gibt. "Das bringt andere Probleme als in den Geisteswissenschaften - die Laborplätze fehlen." Er bemängelt das "totale Missverhältnis zwischen Ressourcen und Studenten".

Doch dem Aufschrei von Wirtschaftsstudenten aus 19 Ländern gegen die Einseitigkeit der Lehre in der Ökonomie kann Engl - zumindest für Wien -nichts abgewinnen:

"Wir haben in Wien eine große Vielfalt im Bereich der Ökonomie." Die Lehre selbst sei auf der Höhe der Zeit, es bleibe jedoch die Frage: "Wie schaffen wir eine Balance zwischen Forschung und Lehre? Das Entscheidende sind die Doktoranden. Wichtige Fortschritte geschehen immer dort, wo sie nicht erwartet werden, wie die Geschichte der Entdeckung des Radons zeigt. Wichtig ist Stabilität in der Forschung und längerfristige Finanzierungssicherheit. Hier hilft der FWF -wenn auch quantitativ nicht ausreichend." Und das EU-Programm "Horizon 2020". Es stellt in den nächsten sechs Jahren 80 Milliarden Euro für Forschung und Innovation bereit.

Werden in Österreich zu wenige Projekte von Firmen gefördert? Im "Innovation Union Scoreboard" 2014 der EU liegt Österreich nur noch auf dem zehnten Platz und damit hinter der Gruppe der Innovationsleader.

Auch wenn man noch nicht dort sei, wo man hin wolle, nämlich im Spitzenfeld, so habe Österreich bereits sehr gute Erfolge vorzuweisen, meint Minister Mitterlehner. So sei man bei den ERC-Stipendien sehr erfolgreich: Bis Anfang 2014 hat Österreich bereits 109 ERC-Stipendien erhalten. Mit dem FWF und der ÖAW sei vor allem die Nachwuchsförderung stark aufgestellt.

Das IST Austria sei ein attraktiver Standort, der immer mehr Spitzenforscher aus dem Ausland nach Österreich ziehe. Nachholbedarf sieht der Minister vor allem in der Verwertung von Ergebnissen aus der Grundlagenforschung und bei der Entwicklung von langfristigen Karrieremodellen: "Wir müssen den Jungen eine Perspektive geben und Anreize für eine wissenschaftliche Karriere schaffen." Daher werde sich sein Ressort auch verstärkt dieser Thematik widmen, um etwa die Probleme der Kettenverträge in Angriff zu nehmen.

Ulrike Felt meint dazu: "Nachwuchsförderung und Forschung muss man zusammenhalten. Gute Forscher an einer Uni allein reichen nicht." Sie plädiert für eine "nachhaltige Wissensökologie".

Senkung der Drop-out-Raten an den Hochschulen

"Ein Beispiel für regionale Verantwortung ist Graz", sagt Mitterlehner, "wo die FH und Unis mit den Firmen interagiern; es herrsch dort quasi eine 'anwendungsorientierte Grundlagenforschung'". Davon würden auch die "Humanities" profitieren: "Man geht in Graz ziemlich offen miteinander um. Auch die Geistes-, Sozial-und Kulturwissenschaften werden durchaus entsprechend berücksichtigt. Aber wir statten nicht jemanden aus, nur weil er vorhanden ist - er muss sich qualifizieren."

Für die erfolgreiche Umsetzung des EU-Rahmenprojekts Horizon 2020 müssen in Österreich disziplinenübergreifende Netzwerke errichtet werden, meint Heinz Engl. "Sowohl an den Unis als auch mit außeruniversitären Einrichtungen." Ein weiteres Kriterium für künftige Erfolge österreichischer Wissenschaft sei die Senkung der hohen Drop-out-Raten, so eine Wortmeldung aus dem Publikum. Was kann die Politik tun?

Reinhold Mitterlehner verweist hier auf die Autonomie der Universitäten, Stichwort STEOP (Studieneingangs-und -orientierungsphase) und die bereits eingeführten Zugangsregelungen, die sich bewährt hätten und die man vor allem in den Massenfächern weiter ausbauen wolle. "Ich glaube, es ist eine gute und feine Balance, die wir entwickelt haben." Verbunden mit einem stetigen Ausbau der guten Beratung würde das die Abschlussquoten erhöhen.

Auch Rektor Heinz Engl meint, dass die Drop-out-Quoten zu hoch seien. Auch er will an der STEOP festhalten. "Das hat die Situation zumindest verbessert. Aber es gibt noch keine Langzeitanalysen."

Eine Reduktion sei laut Engl allerdings auch von jenen Studierenden gefordert, die die STEOP schaffen. Und dass mehr Absolventen aus Österreich weggehen als hierher kommen, müsse dringend geändert werden: "Wir müssen so attraktiv sein, dass auch andere zu uns kommen wollen."

Als positive Beispiele nannte der Rektor drei Top-Berufungen auf der Publizistik sowie auf der Fakultät für Lebenswissenschaften -"allerdings auf Dauerstellen". Diese Dauerstellen seien zwar Teil der Attraktivität unseres Karrieresystems, mache die österreichische Universitätslandschaft aber zu unflexibel.

Qualitätssicherung für Wissenschaft und Politik

Um dem gegenzusteuern, wurde die Situation für Postdocs in den letzten Jahren massiv erschwert. An der Mathematik-Fakultät gebe es, so ein Einwurf aus dem Publikum, Postdocs, die nach sechs Jahren trotz Habilitation Schwierigkeiten hätten, an der Universität zu bleiben.

"Hier legt uns §109 des UniG zu enge Fesseln an", pflichtet der Rektor bei und verweist auf das amerikanische Tenure-Track-System, das nach einer befristeten Bewährungszeit die Chance auf eine unbefristete Stelle vorsieht. "Dieses System haben wir vor einigen Jahren eingeführt. Doch dabei stoßen wir auf quantitative Grenzen, die Stellen müssen wir ja irgendwo herbekommen." Die Kettenvertragsregelung mit sechs jährlichen Befristungen sei zu starr.

"Das kann nicht nur von den Unis kommen", sagt Minister Mitterlehner. "Es braucht Rahmenbedingungen. Die Durchlässigkeit des Systems ist sogar im Regierungsprogramm festgehalten. Was macht man, wenn die sechs Jahre vorbei sind? Das schauen wir uns gerade an, gemeinsam mit dem Sozialressort. Denn wenn ich eine derartige Systematik wie das Tenure-Track-System etabliere, brauche ich auch die Mittel dafür."

Die 2015 anstehenden Jubiläen von Uni Wien (650 Jahre) und TU Wien (200 Jahre) will Mitterlehner zum Anlass nehmen, ein "Jahr der Forschung" auszurufen. Die Leistungen der Wissenschaft müssten "greifbarer und erlebbarer werden". Prinzipiell brauche man sich um die jugendliche Begeisterung für Wissenschaft und Forschung keine Sorgen machen, wie die Schlangen von Schülergruppen bei der diesjährigen ,Langen Nacht der Forschung' gezeigt hätten.

Wie kann man diese Begeisterung halten? Durch Qualitätssicherung? Sie sei kein Wundermittel, erklärt Heinz Engl.

"Die Qualitätssicherung an der Uni Wien ist zum Teil zu ausgefeilt. Wir lassen gerade von Externen untersuchen, ob Aufwand und Ertrag im richtigen Verhältnis stehen. Das ist wahrscheinlich nicht der Fall."

Minister Reinhold Mitterlehner sagt zur Forderung einer Qualitätssicherung für die Politik:

"Der Wissenschaftsrat macht gerade eine Studie dazu. Wir sind in einem System, das sich weiterentwickelt und mit Qualitätssicherung eng zusammenhängt. Politik spiegelt das, was die Gesellschaft an sich ist. Letztlich ist in der Politik die Qualitätssicherung die Wahl."

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